Bentley

Die Ingenieursgeschichte des Firmengründers Walter Owen Bentley, später einfach W. O. genannt, beginnt kurz nach der Jahrhundertwende mit einem Praktikum bei einem Hersteller für Dampflokomotiven – offensichtlich ein sehr prägendes Fahrzeugformat. Unterdessen betätigte sich Bentley als Motorradrennfahrer, unter Anderem bei der berühmten Tourist Trophy auf der Isle of Man, um schließlich bis 1912 Ingenieurswesen am Londoner King’s College zu studieren. Gemeinsam mit seinem Bruder Horace Milner Bentley begann er kurz darauf mit dem Verkauf Französischer Autos der Marke DFP (Doriot, Flandrin et Parant) mit deren Qualität er anfangs unzufrieden war.
Mit seinem bei der Eisenbahn erlernten Wissen über Gusstechnik optimierte er die Motoren der DFP-Fahrzeuge mittels Alugusskolben und eigener Nockenwellen. Auf der Rennstrecke von Brooklands stellte er alsbald neue Geschwindigkeitsrekorde der entsprechenden Wagenklassen auf. Im ersten Weltkrieg konnte er dieses Know-How in das Umfeld von Flugmotorkonstrukteuren einbringen. Zu dieser Zeit konnte sich Bentley erstmals mit Ingenieuren von Rolls Royce und Sunbeam austauschen.

1919 gründeten die Bentley-Brüder gemeinsam mit den Herren Frank Burgess und Harry Varley (vormals beschäftigt bei Humber und Vauxhall) die Firma Bentley Motors Limited in Cricklewood bei London. Als erstes Projekt entstand ein Dreiliter-Reihenvierzylinder, der im Jahr darauf Namensgeber für den ersten Bentley Serien-PKW, den 3-Litre wurde. Beim Bentley 3-Litre handelte es sich um einen offenen Tourenwagen mit sportlichem Anspruch, der letztlich zwei Mal zu einem Sieg in LeMans führte. Trotz der relativ hohen Belastbarkeit etablierte sich bereits beim 3-Litre eine Modellpolitik, die die Fahrzeuge namentlich in Red-, Blue- und Green-Label einordnete. Während Red- und Blue-Label Modelle mit fünfjähriger Garantie ausgeliefert wurden, erhielt ein Green Label nur ein Jahr Garantie. Hintergrund war schlicht die Abstimmung von Vergaser, Nockenwelle und Motorlagern, die zu gesteigerter Leistung unter Verminderung der Langlebigkeit führte.
Über die 20er-Jahre hinweg optimierte Bentley als Hersteller sein Konzept der schweren, belastbaren und vor allem schnellen Langstrecken-Tourenwagen weiter, etwa mit dem Speed-Six, einem Sechszylindermodell, sowie 1927 im vierzylindrigen 4 1/2 Litre mit obenliegender Nockenwelle, angetrieben per Königswelle und Vierventiltechnik gipfelte. Der wiederum war es, der von Financier und Rennleiter Tim Birkin und seinen Fahrern (genannt “Bentley Boys”) in LeMans eingesetzt wurde. Birkin forderte eine Kompressoraufladung, die von W. O. durch den Einsatz eines Roots-Gebläses realisiert wurde. Dieser Bentley Blower konnte dann durch Zuschalten des vor dem Kühler montierten Kompressor von 175 PS auf 240 PS gebracht werden, während das Fahrgeräusch von einem gierigen Heulton untermalt wurde. Ettore Bugatti, der mit seinen eigenen Fahrzeugen stets unterlegen war nannte den Bentley Blower den “schnellsten Lastwagen der Welt”.

Nach so viel Prestige in den ohnehin schon ausschweifenden 20er Jahren, wurde das Unternehmen 1931 von der Wahrheit in Form der Weltwirtschaftskrise eingeholt und von Rolls-Royce übernommen.
W. O. war hart getroffen. Nach der Firmenpleite und dem vorhergegangenen Überlauf seines Partners Barney Barnato zu Rolls-Royce wurde er zudem noch von seiner Ehefrau verlassen und musste seinen persönlichen Bentley 8 Litre als Teil der Konkursmasse abgeben. Per Gericht wurde er zu einem auf fünf Jahre angesetzten Arbeitsvertrag bei Rolls-Royce verpflichtet. Nach Ablauf dieser Zeit verlies Bentley den Konzern mit der Zufriedenheit eines Siegers – der beliebte Ingenieur hatte beinahe die gesamte Motorsportabteilung auf seine Seite gebracht, mit denen er gemeinsam die Arbeit bei Lagonda (später auch Aston Martin) begann. Die Marke Bentley wurde indes weiter geführt, um technisch identische, stilistisch jedoch subtil sportlichere Fahrzeuge auf den Markt zu bringen. Erste Beispiele aus dieser Periode sind die Modelle 3 1/2 und 4 1/2 Litre, die wie alle folgenden Modelle bis 2003 technisch Baugleich mit den jeweiligen Rolls-Royce-Modellen sind, im Modellportfolio aufgrund ihrer etwas weniger pompösen Machart zunächst eher am Rand standen. Erst Anfang der 90er-Jahre zogen die damaligen Bentleys in den Verkaufszahlen mit Rolls-Royce gleich. Diese Spanne von 72 Jahren endete mit dem Eingliederung von Rolls-Royce in BMW. Bentley wurde indes schon 1998 an den Volkswagen-Konzern verkauft, war aber konzeptionell mit den Modellen Bentley Arnage / Rolls-Royce Silver Seraph, sowie mit Motorenlieferungen beteiligt.

Die Übernahme von Volkswagen bedeutete grundlegende technische Neuheiten für Bentley. Die empfindliche Zentralhydraulik, die zuständig für Fahrwerk und Bremsen (!) stets als Achillesferse galt wurde abgeschafft, das Konzerntypische Baukastensystem eingeführt. Der erste Bentley der auf diese Weise neu entstand war der Continental GT. Als erster Bentley wurde dieser in seiner Grundstruktur am Fließband gefertigt und besitzt Gleichteile mit VW Phaeton und Touareg. So war es möglich, ihn etwa zur Hälfte des Preises des vorherigen Continental anzubieten dabei jedoch extrem verbesserte Fahrleistungen und mehr Platz im Innenraum zu bieten. Er ist bis heute der meistverkaufte Bentley. In seiner zweiten Generation erbrachte der Conti GT nach bester Markentradition sogar einige Rennerfolge im GT-Sport.

Heute zeigt das Markenportfolio fünf Modelle. Die beiden Limousinen Mulsanne und Flying Spur unterscheiden sich vordergründig durch ihre Größe voneinander. Während der Mulsanne mit bis zu 5,83 Meter Länge einen Konkurrenten zu den teuersten Luxusmodellen von Rolls-Royce oder Mercedes Maybach darstellt, basiert der Flying Spur auf dem Continental GT. Letzterer rangiert als Coupé und Cabrio nach wie vor in den Reihen großer Gran Turismo. Zusätzlich wurde dem Markenprogramm 2016 noch der Bentayga hinzugefügt. Er ist nicht nur das erste SUV der Marke, sondern auch das erste SUV überhaupt, welches auf eine Spitzengeschwindigkeit von über 300 km/h bringt. Sein Plattformbruder Lamborghini Urus nahm im diese Krone zeitweise ab, mit Erscheinen des Bentayga Speed, dessen Höchstgeschwindigkeit 306 km/h beträgt, gebührt sie aber wieder dem Engländer. Als letzter Zuwachs im Programm gilt seit Anfang 2020 der in Kleinserie gebaute und auf nur zwölf Exemplare limitierte Mulliner Bacalar. Der zweisitzige Speedster auf Basis des Flying Spur verneigt sich auf zwei Arten vor der alten Markentradition aus der Ära der Firmengründung. Erstens wirkt die Karosseriebaufirma Mulliner Park Ward, die bis in die frühen 50er-Jahre ausschließlich fahrfertige Chassis karossierte, noch immer maßgeblich an der Gestaltung der Modelle mit, zweitens besitzt der Wagen wie viele frühe Modelle kein Dach.

Letztlich scheint uns, dass diese Entwicklung möglicherweise nicht allzu viel Unbehagen bei Walter Owen Bentley himself ausgelöst hätte – schwer und schnell sind Bentayga und Co. allemal. Zu Ehren des Gründers wurde anlässlich des 100. Firmengeburtstages zum Modelljahr 2019 als Sonderserie des Mulsanne die W. O. Edition aufgelegt. Die Autos trugen das Farbschema des 1931 einkassierten privaten Bentley 8 Litres mit dem Kennzeichen GK 706, sowie einen kleinen Teil der Kurbelwelle des nicht mehr reparablen Originalmotors als Zierelement der hinteren Mittelkonsole.

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