IMG9340

Das beste Auto der Welt!? Fahrbericht: VW Golf Plus

Published On 6. Mai 2016 | By autonormalverbraucher | Frisch getestet

Warum dies das beste Auto der Welt ist.

„Ja isser denn übergeschnappt? Was ist an so einer Rentnerschüssel denn so toll?!“

Was zunächst wie eine recht verständliche Frage klingt, lässt sich doch plausibel erklären. Dieses Auto kann eigentlich alles. Der 105 PS starke 1,9 TDI Pumpe-Düse gehört zu den großartigsten Motoren unserer Zeit. Mit ein wenig Pflege hält er ewig die Treue, und bleibt auch auf lange Sicht spurtstark und sparsam. Die Golf 5 Plattform, in der er arbeitet, ist qualitativ und technisch noch immer ausgewogen und aktuell. In Form des VW Caddy wird sie noch heute produziert. Die Machart der Karosserie, sprich das Schließverhalten der Türen nebst Rasten, und auch die Ergonomie im Innenraum sind ebenfalls kaum zu schlagen. Ich will damit auf keinen Fall sagen, für einen Gebrauchtwagen sei das Auto immer noch gut, sondern dass es nach wie vor fabrikneue Konkurrenten mühelos in die Tasche steckt. Die perfekt ausgeformten und mannigfaltig verstellbaren Sitze sind auch nach über 100.000 km noch nicht müde. Auch an den Bedienelementen befindet sich noch kaum Verschleiß. So unterscheidet sich auch das subjektive Fahrgefühl nicht von einem Neuwagen. Das alles endet in einem standardmäßig großen Kofferraum, der sich durch eine äußerst variable Rückbank zum Großraumtransporter hin umwandeln lässt. Apropos Rückbank. In der etwas aufgeblasenen wirkenden Golf Plus Fahrgastzelle sitzen Hinterbänkler in oberklassigen Platzverhältnissen. So werden auch weite Reisen bequem möglich. Und was nicht reinpasst, kommt aufs Dach oder in den Anhänger. Dieses Auto ist überall und immer nutzbar. Und stets brummelt beruhigend der TDI.

Aber fangen wir vorne an.

_MG_9344

Anders als meine noch neuen Testwagen, stammt dieses Auto aus meiner Familie. Als Jahreswagen wurde der Golf angeschafft, von einem Fahrer der mehrere Millionen Außendienstkilometer mit nur einer Handvoll Mercedessen zurückgelegt hat, und der nun im Ruhestand „kein großes Auto mehr brauchte“. Im Vergleich zu seinem vorigen C 250 Diesel der Baureihe W202 ist der Golf Plus tatsächlich 20cm kürzer, hat einen Zylinder und 8 PS weniger… und hatte zum Kaufzeitpunkt rund 450.000 km weniger gelaufen. Umgekehrt, bietet er satte 80 Nm mehr Drehmoment, ist 4 Sekunden schneller auf 100km/h und braucht 1,5 Liter weniger Diesel auf 100 km.

_MG_9307

Was das Thema „kleines Auto“ aber endgültig revidiert, ist der Innenraum. Vielfältig ist hier das goldrichtige Wort. Viel, weil viel Innenraum; fältig, weil er sich in Hülle und Fülle umfalten lässt; vielfältig, weil er genau wie das ganze Auto nicht nur praktisch kann, sondern auch schön. Es lenkt sich ledern, es schaltert sich haptisch ansprechend und über allem thront eines der besten und schönsten Kombiinstrumente, die es gibt.

_MG_9400

Das zugegeben klotzige Armaturenbrett, teilt sich der Plus mit dem Tiguan. Hier findet wirklich jeder noch so kleine Krempel Platz. Im Handschuhfach lässt sich notfalls übernachten und der Münzhalter beherbergt ganze Sammlungen der Numismatik. Griffgünstig liegt, wo die Hand hinfällt, der DSG Wählhebel, der außer bei gelegentlichen Motorbremsungen bloß die Fahrtrichtung einstellt. Dahinter ein multifunktionaler Becherhalter, mit Flaschenöffner der Hausmarke, und schließlich die herrliche, robust verstellbare Mittelarmlehne mitsamt Ablageschrein. Im Golf Plus lässt sich der halbe Hausrat versenken, ohne dass dies sichtbar wird. Die Vordersitze erlauben jede Sitzposition zwischen Golf GTI und Jagdhochsitz und erlauben immer eine Menge Bein-, Schulter- und Kopfraum. Wer in dieser Herberge noch was zum Spielen sucht, kann sich an den etwa 712 jeweils einzeln drehbaren Luftausströmern vergnügen. Selbst vor den Türverkleidungen macht dieser rollende Lebensraum nicht halt.

_MG_9317 _MG_9325

 

Neben 1,5 Liter Flaschen hätte sicherlich auch noch ein Partyfässchen Platz. Selbst der Ellenbogen hat obendrauf genügend Ablagefläche. Was diese Sitz- und Platzverhältnisse angeht, geht es den Hinterbänklern genauso, insbesondere wenn die Rückbank nach ganz hinten verschoben ist. In diesem Setup lässt es sich mit vier Erwachsenen faktisch genauso bequem reisen, wie mit deutlich höherklassigen Autos. Das macht den Plus zum prima Urlaubsgefährten.

_MG_9334

In diesen Nutzungsgebieten zeigt sich auch mein Testwagen stets eifrig. Ob als ganz normaler Golf im Alltag, als Möbeltransporter, mit Segelboot am Haken, oder mit Dachbox, Fahrradträger und mehreren Tonnen Campingequipment. Selbst staubedingte Querfeldeinfahrten durch Wald und Flur sind möglich. Stellt euch vor: Es gibt Autos, die nicht auf riesigen Alufelgen unterwegs sind. Dieses hier steht adrett auf Stahlrädern mit viel Gummi drum, sowie unaufdringlichen Radkappen. Das ist leicht, federt gut und rollt leise ab. Sachlich eine klarer Vorteil gegenüber jedem schickeren Auto mit dicken Alus.

Ebenso unaufgeregt, wie die Transporttoleranz dieses silbernen „Goal“ Sondermodells funktioniert in jeder Lebenslage der 1,9 TDI unter der kurzen Haube vorne. Er scheint sich einfach immer wohlzufühlen. Mit seinen 7 DSG-Gängen wuselt er behände durch den Stadtverkehr, wird über Land und auf langen Strecken zum echten Knauser, kann aber beim Ausflug ins Kurvige auch lustvoll von dannen ziehen. Nur bei schneller Autobahnfahrt, geht ihm etwas die Puste aus. Was er kann reicht ihm aber immer.

_MG_9386

Egal, ob Motor- oder Außentemperatur heiß oder kalt ist, der Einsneuner springt in jedem Fall mit dem immer gleichen, purzeligen Geräusch an. Sein knurriges, aber sanftes Nageln hat an stressigen Tagen einen Effekt, wie Baldrian. So schafft er es, ein ähnliches „Willkommen-Zuhause“-Gefühl zu verursachen, wie es alte Benze vermögen. Ebenso unverrückbar, wie seine Laufkultur, erscheint die immer genau senkrechte Nadel des Thermometers und die immer, wie angenagelt feststehende Leerlaufdrehzahl. Dieser Motor arbeitet so korrekt, wie ein alter Postbeamter zu staatlichen Zeiten. Apropos Post: Dasselbe Feeling erzeugt auch ein gelber Postcaddy mit weniger als garkeiner Ausstattung. TDI (oder im letzteren Falle SDI) sei Dank!

Zur irgendwie unerklärlichen Perfektion dieser Autos gehört auch die Machart im Ganzen. Dicke und feste Türmechanismen, keinerlei Rostprobleme und nicht ein Detail, was nicht gut gemacht ist. An den meisten Autos lässt sich irgendwas objektiv aussetzen, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist. Hier nicht. Selbst an Stellen, an die Millionen von Golffahrern gar nicht rankommen ist dieser Wagen durchdacht. So befindet sich direkt an der muckelig eingepackten Batterie im Motorraum unter einem stabilen Kunststoffdeckel eine Art Elektro-Schaltleiste. Die kann man sich in etwa, wie einen Haus-Sicherungskasten vorstellen, in dem alle großen Zuleitungen für Verbraucher, sowie alle Masseverbindungen sauber und offen zugeführt werden. Hier gibt es auch noch freie Anschlussplätze für Nachrüstarbeiten. Angeklemmt und sauber dazugesteckt; Fertig ist ein professionell gelegter Anschluss. Hier befindet sich im Testwagen ein langes Stromkabel, das bei Bedarf die elektrische Seilwinde des Bootsanhängers speist. Features, die man eher im Lastwagen für typisch hält, die in diesem alltäglichen „Alte-Leute-Auto“ ganz selbstverständlich an Bord sind.

_MG_9397

Mein Fazit fällt ebenso radikal-positiv aus, wie meine Headline. Würde ich heute ein Auto suchen, würde ich einen Golf Plus mit 1,9er TDI kaufen (oder evtl. auch Octavia, oder Golf Kombi). Der einzige Grund, warum ich’s nicht mache, ist Verwöhntheit. Auch wenn es kaum bessere Autos als den Plus gibt, gibt es doch viele schönere. Zudem steht bei mir der absolut gelassene Langstreckenkomfort weit oben. Dazu gehört auch bei hohen Geschwindigkeiten genug Drehmoment. Hier ist so ein 1,9er dann doch eher Lastesel, als Postkutschenpferd.

Zugegebenermaßen ist der Plus also nicht das tollste, aber tatsächlich eines der besten Autos der Welt.

_MG_9361 _MG_9350

Like this Article? Share it!

About The Author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *