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Das neue Autonormalverbraucher Auto! BMW 520i E39

Published On 15. Februar 2016 | By autonormalverbraucher | Frisch getestet, Gedanken vom Fahrersitz

Der treue Leser wird sich vielleicht bei dieser Schlagzeile erschrecken.

Hat er etwa seinen Diesel verkauft? Nein, hat er nicht!

Aus beruflichen Gründen brauchen meine Frau und ich einfach im Moment einen Zweitwagen. Ob der lange bleibt ist noch nicht sicher. Trotzdem Grund genug, sich nach etwas umzuschauen, was einerseits ein höchst hervorragendes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet, und das andererseits auch was für’s Herz ist.

Zunächst hatte ich den Gedanken ein Auto für deutlich unter 1000€ zu kaufen, und es mit viel Eigeninitiative im Wert zu steigern, um es schließlich mit Gewinn wieder abzugeben. Nachdem ich diese Idee aber längere Zeit verfolgte, und mir immer wieder Beispielautos angesehen habe, wurde klar, dass mich so ein Auto im Moment einfach zu viel Zeit kosten würde, die ich nicht habe.

Trotzdem blieb ich bei dem Plan, ein Auto zu kaufen, das ich mit relativer Sicherheit jederzeit zumindest verlustfrei wieder verkaufen kann. Natürlich kommt jedem selbsternannten Autoexperten dann der Gedanke, bei betagten Mercedes oder VW ins Regal zu greifen. In dem Gedanken, nun etwas in gutem Zustand bis 3000€ zu finden, stellte sich aber schnell heraus, das man die Wahl zwischen gähnend langweiligen Exemplaren, oder eben Rosteimern hat. So war auch da nichts zu finden, was mein Herz höher schlagen ließ.

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Dann fiel mir ein, dass ich schon immer mal einen BMW E39 haben wollte. Schon allein, weil mir sein geradliniges, wunderbar schlankes Design und der geschmeidige Innenraum stets enorm gut gefielen. Außerdem ist der mittlerweile gereifte 5er für hohe Langzeitqualität bekannt, und bietet auch BMW-typische Freude am Fahren. Nun hatte ich Blut geleckt, und durchforstete mobile.de und autoscout24 nach dem richtigen Kandidaten. Erstaunlich und erschreckend, wie billig dieses hochwertige Auto inzwischen geworden ist. Billig ist hier das richtige Wort. Ein E39 ist derzeit noch nicht mal mehr preiswert, sondern nur noch billig. Sehr schade, vor allem weil viele Exemplare damals mit feinsten Materialien überaus luxuriös ausgestattet wurden. Bei einem neuen BMW würde man allein für die Ledersitze schon mindestens so viel zahlen, wie heute für einen kompletten E39 mit allem drum und dran. Schlimmer noch: Die einstigen „Volle-Hütte“ Vorführwagen, sind heute vor allem die, die absolut ungepflegt für Spottpreise vor sich hin rotten. Es galt also einen zu finden, der sauber und adrett daherkommt, ohne dabei großartig auf Ausstattung zu achten.

Nun die gute Nachricht: Auch diese Autos findet man en masse. Ersthandautos, die noch genauso hübsch vor dem gleichen gepflegten Bungalow parken, wie damals in den späten 90er Jahren. Das ist meine Welt! Nostalgiker bin ich sowieso. Die Eltern eines Freundes, den ich seit Kindertagen schätze, fuhren damals einen nagelneuen 523i Touring. Schon als kleines Autonormalverbraucherle war ich begeistert, dass das Velours im Innenraum den selben samtigen Charakter hat, wie der seidige Sechszylinder im Bug des schönen Wagens. Selbst als Mitfahrer fiel mir seinerzeit schon auf, wie feinfühlig sich das große Buslenkrad wohl drehen lies, und wie knackig exakt Herr und Frau S. die Gänge mit dem glänzenden Hebel sortieren konnten.

Heute hat man die Möglichkeit sich für verhältnismäßig wenig Geld in diesen erlauchten Kreis von Genießern einzukaufen, die den Fahrcharakters des oberklassigen Bayerns schätzen. Auf mobile.de fand ich dann den perfekten Kandidaten. Bei einem recht ordentlichen Kiesplatzhändler, ausgerechnet in meiner kleinen Nordrheinwestfälischen Heimatstadt stand ein Arktissilberner 5er, bei dem ich auf den allerersten Klick sofort das „Der isses!“-Gefühl hatte. Und das hab ich normalerweise nie! Nach kurzem und freundlichem Telefonat kannte ich die Historie des Wagens Erstzulassung im Januar 97, als BMW Dienstwagen in München, dann noch werksfrisch an einen Geschäftsmann verkauft, und nach einem Jahr wieder auf dem Markt kam dann ein älterer Herr, der ihn dann über 18 Jahre lang fuhr. Dieser einzig ernstzunehmende Vorbesitzer hat den Wagen ganz offensichtlich geliebt, gehegt, und gepflegt.

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Der aktuelle Winter 2015-16 ist schätzungsweise der erste, den das Auto bei Wind und Wetter erleben muss. Ich fühle mich richtig schlecht, seit ich letztens beim Räderauswuchten den Unterboden zum ersten mal sah, und feststellte, dass dieser noch die gelbliche Wachsschutzschicht eines Neuwagens trägt. Auch Schmutz, oder irgendwelche Gebrauchsspuren waren schlichtweg nicht vorhanden. Die einzigen Mängel werde ich diesen Sommer beheben: zwei münzgroße, oberflächliche Rostblüten an zwei Ablauflöchern des Heckblechs. Kaum sichtbar.

Der Kauf war binnen kürzester Zeit in trockenen Tüchern, und ich war Besitzer eines 20 Jahre alten Neuwagens.

Das mit dem Neuwagen ist in der Autoschreiberei eine gern genutzte Phrase. Hier stimmt sie aber wirklich. Ganz ohne Übertreibung! Der Duft im Innenraum ist exakt so, wie ich ihn als Kind im Neuwagen von Familie S. abgespeichert hatte.

Die sonst so wichtigen Eckdaten: ca. 140.000 km Laufleistung, Scheckheftgepflegt, usw. waren bei diesem Kauf eher zweitrangig. Als erfahrener mobile.de-surfer, war mir der tolle Zustand schon ganz klar, noch bevor ich den Wagen überhaupt in Natura zu Gesicht bekam. So war’s dann schließlich auch.

Zu wurde also geschlagen.

Nun steht er hier vor der Tür und dient derzeit meiner Frau für den Arbeitsweg. Ein Sechszylinder Benziner als Pendlerauto? Das geht. Einerseits lassen die Spritpreise im Moment sowieso frohlocken, und andererseits fährt sie für die einfache Strecke zur Arbeit 14 km, die zu 99% nur aus Schnellstraße bestehen. Der dicke Diesel kommt da gar nicht richtig auf Betriebstemperatur, wo sich die 6 Freunde unter der BMW Haube schnell wohlig warmzünden. Logistisch also auch durchaus vertretbar.

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Wie lebt es sich also mit dem 5er?

Eines vorneweg: Es wird schon bald Autonormalverbraucher.de Videos geben. Ich bin wann immer es meine Zeit zulässt dabei, hochwertige Filmerei vorzubereiten. Dort wird als Pilotprojekt dann auch der 5er eine wichtige Rolle spielen. Trotzdem, hier wie immer bei mir der Fahreindruck:

Dieser Eindruck beginnt bereits, wenn man noch vor dem Wagen steht. Wer mit geschultem Blick einige Details betrachtet, zum Beispiel die Türgriffe, oder die Spaltmaße, erhält schnell den sehr richtigen Eindruck, dass der E39 ziemlich tresorartig gebaut ist. Tatsächlich fühlt sich auch alles sehr satt und im positiven Sinne schwer an. Obwohl ich an den Türscharnieren bereits gefettet habe, wie ein blöder, und auch ziemlich ölte, sind diese eher schwergängig. Man gewöhnt sich aber daran. Allein das belohnt einen schon mit einem Schließgeräusch („Klabuff„) von höchster Fortknoxigkeit, aber: Fahrzeugtypisch klingt das schon straffer als das dumpfe „Wumms“ einer Mercedestür. Anders, aber auch sehr schön.

Hier gibt’s nix zu meckern, Gummimatten sind zum Schmutzfangen da! Das ist mir lieber, als wenn ein halber Reitstall im Teppich hängt.

Innen versprüht gerade mein Exemplar eine gewisse Jungfräulichkeit. Erstens wegen des neuwertigen Zustandes und zweitens wegen der beinahe gänzlichen Abwesenheit von Sonderausstattungen. Zur Grundausstattung gehört nämlich dieses graue Velours. Viele finden das sicher furchtbar piefig, aber ich habe es schon immer gemocht. Es ist ungeheuer weich und gemütlich – und hat leider den nervigen Nachteil, dass der meist jeansbehoste Hintern nur durch unelegantes hoppeln über den Sitz zu bewegen ist. Mit anderen Worten: Diese Sitze rutschen NICHT. Man könnte sie an eine Zimmerdecke montieren und trotz der Schwerkraft bequem darin sitzen. Grundausstattung sind auch die „Cubic“ Zierleisten, die zwar nur aus Plastik sind, aber eine sehr hübsche metallische Holzigkeit darstellen. Die finde ich super.Was auch zur Serienausstattung gehört ist das riesig große, dünne, vierspeichige Kunststofflenkrad, in Fachkreisen auch „Buslenker“ genannt. Ich bin ein Fan von Vierspeichenlenkrädern bei Nicht-Sportwagen. Ich möchte doch auch auf langen Strecken meine Hände mal irgendwie vielfältig ablegen können. Daher kommt auch eine der ganz wenigen Abnutzungserscheinungen am Wagen. Vermutlich pflegte der Vorbesitzer stets an der linken unteren Speiche zu steuern. Der Lenkradkranz ist nämlich im Gegensatz zu ihr noch neuwertig.

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In harmonischem Einklang mit dem Steuerrad steht dieser wunderbare Taktstock. Der Schalthebel ist herrlich anzufassen, trägt auch den gleichen Innenraumzierrat, wie der Rest des Wagens, und sortiert die singenden Stimmlagen des Triebwerks. Jeder Schaltvorgang ist ein Fest, insbesondere, da sich auch das Getriebe noch neuwertig anfühlt.

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Die Kupplung übrigens auch. Apropos Kupplung. Eine Anhängerkupplung hat er auch. Nur wurde diese nie benutzt und liegt unverändert im passenden Kofferraumeinsatz. Was allgemein noch wirklich fein am E39 Innenraum ist, ist seine mattierte Glattflächigkeit, die fahrerorientierte Mittelkonsole und auch das verblendete Einbauradio. Allein dadurch gewinnt der ganze Armaturenträger sehr an Form. Das hatte 1995 sonst keiner! Und seht ihr das? Ich habe eine Klimaautomatik! Schön viele Knöpfchen, also.

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Man muss ehrlicherweise zugeben, dass der Zweiliter bei Knallgas auf engen Landstraßen schon ein wenig gummiartig wirkt, weil ihm hier und da doch ein wenig der Durchzug fehlt. Gibt man ihm aber die Zeit um diese kleine Schwäche zu überwinden, zieht er überall mit dieser souveränen Leichtigkeit durch, für die die BMW-Triebwerke so berühmt sind. Einen langen Atem beweist er erfreulicherweise auf der Autobahn. Wer will kann ziemlich mühelos sehr hohe Tempi erreichen. Man kann natürlich aus 100km/h Zonen nicht so turbodieselig rausbolzen, aber zwischen 150 und 200 geht er erstaunlich gut. Sogar bei über 200 ist noch etwas Luft. Das hat mich etwas erstaunt.

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Schön ist vor allem auch, wie vollwertig und ernstzunehmend dieser Oberklassewagen auch nach 20 Jahren noch ist. Sein Alter sieht man nur im Vergleich zu neueren Konkurrenten, und sein Design bleibt Geschmackssache. Ich finde zum Beispiel dass der aktuelle 5er F10/F11 vom Design her den E39 auf eine gewisse Weise zitiert. Mehr zumindest als der eigentliche Nachfolger E60/61. Es ist diese grazile Schlankheit, gepaart mit spürbarer Solidität und Leichtigkeit, die den E39 so begeisternd machen. Dazu gehören auch stilistische Detailumsetzungen. Man hat den Eindruck, dass man den 5er nicht so schön, wie möglich designt hat, sondern so hochwertig wie möglich. Optische Attraktivität ist nur ein Resultat daraus. Breite Doppelscheinwerfer bieten den besten Raum für eine weite Straßenausleuchtung. Nebelscheinwerfer gehören so weit, wie möglich nach unten und auseinander. Dazwischen ist also genügend Platz für Kühllufteinlässe für Motor und Bremse. Diese „stinknormale“ Limousine hat tatsächlich Luftkanäle zur Bremsenkühlung. Das kenne ich eigentlich nur von Sportwagen, oder BMW mit M-Paket! Die so entstandene flache Front, mit eher kleinen BMW-Nieren mündet dann in die sehr glattflächige Fahrgastzelle. Das wiederum wird durch beinahe skulpturale Übergänge von Kotflügel zu Dachsäule ermöglicht. Typischerweise gehört zur C-Säule natürlich der „Hofmeister-Knick“, benannt nach Wilhelm Hofmeister. Vor etwa 50 Jahren Chefstilist bei BMW. Erfunden hat ihn unter seiner Ägide allerdings der Italienische Zagato-Spross Ercole Spada. In seinem Sinne wäre auch das Heck des E39, das von einer umlaufenden Abrisskante definiert wird, und ansonsten sehr glattflächig ist. Bei schnittigen Alfa-Romeo Coupéchen sprach Spada damals vom „Coda tronca“, dem „abgeschnittenen Schwanz“.

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Von aller Schönheit mal abgesehen, sprechen natürlich auch handfeste Gründe für den Wagen. Dazu gehört die unzerstörbare Edelstahlauspuffanlage, wie auch die untenrum verzinkte Karosserie. Schon dadurch ist der allgemeine Verschleiß des Wagens relativ minimiert. Natürlich muss ich noch ein paar Kleinigkeiten erneuern (abgewetzte Türgummis z.B.), aber ein preislich und altersmäßig vergleichbarer Benz ist nur mit viel Rost erhältlich. Bei Audi gibt es zudem noch gelegentlich Motorprobleme. Deshalb ist der 5er in diesem Segment zumindest der Vernünftigste Kauf.

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Damit deklassiere ich ja eigentlich meinen blechernen Seelenverwandten Mercedes W210. Vergleicht man den 520i mit einem E230 Vormopf müsste Fairerweise der BMW gewinnen. Mit Dieselmotor und Facelift ist der W210 aber von keinem Konkurrenten zu schlagen, da seine Machart voller Ingenieursstolz einfach über jeden Zweifel erhaben ist,  …. wenn er nicht rostet! Dieser Unterschied ist aber nicht groß, und besonders aufgrund der sehr unterschiedlichen Fahreigenschaften, bleibt es letztlich doch eine Geschmackssache, welchen man nun „besser findet.“ Der Benz fährt schwer, stur, geradlinig und stets sicher. Der BMW ist viel Agiler, und auf eine leichtere Art ähnlich souverän.

 

Liebe Leute: Wer für verhältnismäßig wenig Geld fürstlich fahren will, der kauft am besten einen E39. Behandelt sie gut, stellt sie weg, und ihr habt einen Klassiker für die Ewigkeit!

 


Anm. d. Autors: Als kleine Anekdote an diesen Beitrag möchte ich nochmal das Augenmerk auf das Bild der leuchtenden Scheinwerfer lenken. Sie sind das letzte Lebenszeichen einer verblichenen Batterie. Wie man ein Auto anschiebt, und die Batterie wechselt, das zeige ich Euch in einem anderen Artikel. 🙂

 

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2 Responses to Das neue Autonormalverbraucher Auto! BMW 520i E39

  1. Günther says:

    Sehr guter Artikel, indem ich Dir voll und ganz zustimme. Ich hatte schon mehrere Gebrauchtwagen, aber keiner fuhr sich gleichzeitig Sportlich und Bequem zu gleich! Ich finde das 2 Liter Aggregat als vernünftige Alternative, relativ sparsam in der Stadt und auf der Autobahn.

  2. Consti S. says:

    Tolles Auto! Besonders das Interieur sieht bis heute richtig gut aus und die Veloursitze aus der Zeit hab ich auch bis heute gern 😀 und insgesamt in meinen Augen eine der hübschesten Limousinen der Zeit

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