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Fahrbericht: Renault Clio RS (Serie B, Phase 2)

Published On 19. Mai 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet

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Auf der Straße ist der Renault Clio eher am unteren Ende der Nahrungskette zu verorten. Man findet ihn meistens vor Kindergärten, Universitäten, oder am Anfang von kriechenden Autoschlangen. Bei diesem Clio ist allerdings ziemlich sicher, dass mit ihm wohl niemand mit 40 durch die Stadt eiert.

Der hier heißt nämlich nicht nur Clio, sondern Clio Sport, oder in Frankreich auch Clio RS (Renault-Sport). Das bedeutet, dass er mit einem Zweilitermotor mit Vierventilkopf und klassischem Motortuning ab Werk daherkommt. Mit großen Fächerkrümmern und scharfen Nockenwellen erzeugt er je nach Version mindestens 169 PS. Der 2003er Testwagen ist noch weiter verschärft und besitzt eine rennmäßige Edelstahlauspuffanlage, harte Motorlager und Fahrwerksgummis, sowie eine straffere und tiefere Feder-Dämpfer Kombination.

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Heraus kommt rollende Suchtgefahr. Der Clio ist laut, hart und schnell. Vor allem aber ist er ehrlich. Unmissverständlich leitet er alles zum Popometer des Fahrers weiter, was die Fahrsituation gerade zu bieten hat. Das ist schwer in Worte zu fassen. Lasst mich also das Erlebnis an sich beschreiben.

Fangen wir mal ganz vorne an. Du bekommst einen Schlüssel in die Hand gedrückt, der erstmal ziemlich beknackt aussieht. Knubbelig und kurz; irgendwie, wie Spielzeug. Außerdem hängt ein Porsche Schlüsselanhänger dran. Das ist natürlich volle Absicht, erfährt man vom grinsenden Besitzer. Er nennt den Renault einfach und trefflich: „Renno“. Treten wir dem Ganzen also näher. Ein kleiner Clio eben. Ziemlich tief und mit dickerer Bereifung, als man gewöhnt ist. Auch die Tieferlegung verleiht ihm einen sehr breiten Auftritt. Die Xenonscheinwerfer blicken zudem ein ganzes Stück grimmiger, als die vergilbten Lämpchen des 60PS Abiturientenclio, vom Schulparkplatz.Renno6

Einsteigen. Eine große schwere Tür wird mit einem schmächtigen Klappentürgriff geöffnet und gibt den Blick frei auf eine alte Tugend von Renault, die dieses Jahr mit dem Twingo 2 ein Ende fand. Der tief montierte, Fahrersitz und davor das Gokartmäßig flach stehende Lenkrad, das größer ist, als man denkt. Das sieht nicht so pseudosportlich aus, wie in modernen Kompakten, die auf dicke Hose machen, erlaubt aber eine Haltung die einen weitaus besser mit dem Fahrzeug verbindet. Beim Hinsetzen fällt auf, dass die gesamte Fuhre das eigene Körpergewicht ignoriert. Weder Sitz noch Federung geben nach. Wer mal im Rennwagen saß kennt das. Alle anderen können sich das ungefähr so vorstellen, wie das Platznehmen auf einem dieser verstörend gemusterten „Polster“sitze in einer S-Bahn, wenn man sich in gutgläubigem Verdacht auf Sitzkomfort einfach fallen lässt.

Wer dann am Schlüssel dreht, erweckt den Motor zum Leben, und ein ungeduldiges dumpfes Leerlaufgrummeln beginnt. Wir rühren im Getriebe auf der Suche nach dem Rückwärtsgang und fühlen dabei jede Bewegung des Schaltgestänges. Das drehen am flachen Lenkrad leitet direkt die drei Sandkörner zum Fahrer durch, die beim Rangieren zwischen Pflasterstein und dem Profil der Sportreifen knarzen. Der (als Neuling) erste Tritt auf die Bremse passiert dann fast immer ruppig direkt. Immerhin das macht jeder Clio so. Wir haben also den Parkplatz kaum verlassen und spüren schon, dass allein Lenkung, Fahrwerk und Bremse diesen Kleinwagen zum Sportgerät machen.

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Zuerst geht unsere Fahrt gemächlich durch eine Ortschaft. Der Motor gibt sich unspektakulär und elastisch in niedrigen Drehzahlen. Jede Querfuge und jeder Kanaldeckel verpasst einem allerdings einen Schlag ins Kreuz und wir fragen uns, ob ein solches Auto wirklich sein muss.

Kurz darauf schaltet genau vor uns eine Ampel auf Gelb. Wir sind nah dran, treten aufs Gas und stellen fest:

Ja ein solches Auto muss sein. Alle anderen Autos sind langweilig und wir wollen nie mehr etwas anderes fahren!

Klotzig schiebt der Sechzehnventiler an, und das schon mit dem allerersten Gasbefehl. Das kann so nur ein Saugmotor. Das muss wohl auch Jean Pierre Kraemer zugeben. Nie ließ sich ein Gaspedal so exakt und direkt in „Schnellfahren“ und „Nicht Schnellfahren“ einteilen. Immer mit ein bisschen Schlupf reißt das Autöchen dich durch Kurven und hebt dabei ein Hinterbein. Von vorn saugt der Motor gierig brüllend nach Luft und trompetet sie hinten stolz aus den dicken Auspuffrohren. Mit steigender Drehzahl wird das ganze nur noch infernalischer. Dass das Drehzahlband irgendwann zu ende ist, macht nichts, weil jeder Ganganschluss süchtig macht. Durch die harten Motorlager gestalten sich Schaltvorgänge sehr exakt, weil der dicke Motorblock wenig Luft hat, beim Lastwechsel zu wackeln.

Man will immer nur noch mehr. Jede Kurve erscheint einem, wie ein einladendes Schwimmbecken und verleitet dazu, sich einfach mit Gewalt hineinzuwerfen. Das erfordert erst mal Runterschalten (Yaaaaaay, Schalten!!!) und kurz darauf bellt genau unter dem Fahrer der Lastwechsel röchelnd durch den Auspuff und stellt einem die Nackenhaare auf. Eigentlich wünscht man sich nur noch eine Welt ohne Gegenverkehr und Tempolimits. Auch eine Kartbahn wäre ein passender Ort für den sportlichen Franzosen. Auf den langen Geraden der Nordschleife kann er mit einer V-Max von rund 220 km/h ganz gut mit den üblichen Ringtools mithalten, und in den engeren Kurven dann für einige Überraschungen sorgen.

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Nach allem Adrenalingerausche parkt man schließlich doch wieder im Alltag ein. Wir machen den Motor aus und lehnen uns kurz zurück. Der Blick auf die simple Kleinwagenumgebung scheint gar nicht so richtig zu dem zu passen, was wir gerade erlebt haben. Der Beifahrer sitzt erschreckend nah an der eigenen Schulter. Es sitzt sich luftig hinter den tiefen Fenstern, der niedrigen Gürtellinie und der gewölbten Heckscheibe. Man ist nicht so sehr in das Armaturenbrett integriert, wie in moderneren PKW Höhlen. Dieses angenehme Raumgefühl kommt einem behaglich und bekannt vor. Man fühlt sich ein wenig in die 90er Jahre zurückversetzt. Die Klimaautomatik des Testwagens wirkt dabei merkwürdig deplatziert, trägt aber auch ein wenig zur Alltagstauglichkeit bei. Denn eine wichtige Qualität des Sport Clios habe ich noch gar nicht genannt. Es ist immernoch ein Clio.

Der Clio B wurde lange 14 Jahre zwischen 1998 und 2012 gebaut und war zeit Lebens einer der besten Kleinwagen seiner Zeit. Neuere Kleinwagen bieten kaum mehr Platz, sind aber in ihren Außenabmessungen um einiges sperriger. Gleiches gilt für den Kofferraum. Sehr vergleichbar mit einem VW Polo 6n z.B. bietet er für jede Gelegenheit immer das nötige Mindestmaß an Platz. Außer ein generelles Lob lässt sich darüber kaum ein Wort verlieren. Die Praktikabilität solcher Kleinwagen ist unbezweifelt. Für die gebotene Leistung des Clio Sport ist sein Verbrauch irgendwo zwischen „angemessen“ und „ganz okay“. Auf Deutsch heißt das: Acht Liter in gemischter Verkehrslage sind realistisch.

Klar ist auch der Clio im Alter nicht vor Mängeln gefeit. Dank einfacher Technik hält sich all dies aber in Grenzen. Üblich ist, dass mal das eine oder andere Radlager kaputtgeht, dass Fahrwerksgummis leiden, und auch dass sich öfter mal ein ABS-Sensor verabschiedet. Das nervigste was passieren kann, ist, dass der Clio mit Elektronikmacken kämpft. Man hört gelegentlich von bockigen Wegfahrsperren, die sich nicht mehr deaktivieren. Dank vieler Schrottplatzautos kann man aber mittlerweile auch solche Probleme günstig in den Griff bekommen.

Immerhin sind die verschleißfreudigen Fahrwerksbuchsen beim Testwagen als Problemquelle auszuschließen. Sie sind durch knüppelharte Kunststoffteile ersetzt worden. Die findet man bei einigen Sportclios, und da der Wagen ohnehin ein rollender Schalk im Nacken ist, sind sie auch durchaus passend.

Ich will aber versuchen, den kleinen Giftzwerg nicht als aufgehübschten Kleinwagen zu sehen, sondern vielmehr als ernstzunehmendes Sportgerät. Und dieser Spaß beginnt bei knapp 5000€. Dafür gibt es dann aber schon wirklich gute, mit unter 100.000km. Man muss nur ein wenig suchen, damit man auch wirklich einen gepflegten findet.

Der einzige verschleißunabhängige Mangel, der an meinem Testwagen bislang aufgetreten ist, ist ein irgendwo leicht leckendes Getriebe. Vermutlich eine Eingangshülse vom Schaltgestänge. Ansonsten hat auch er im Autonormalfall ein ganz übliches Alltagsleben für Arbeitswege und Einkäufe.

Auf dem Papier beeindrucken die sportlichen Werte weniger, als man meint. 7 Sekunden auf 100 ist zwar schnell, aber ein M3 ist schneller. Geschweige denn jeder Porsche. Der Clio Sport wiegt dabei aber gerade mal eine Tonne und schafft es, bei der Kurvenhatz, diese Kontrahenten ganz schön ins Schwitzen zu bringen. Vergleicht man ihn dann noch mit Polo GTI, oder Corsa GSI/OPC begeistert der kleine Franzose noch mehr.

Der ein odere andere Autokenner wird vielleicht den großen verchromten „Sport“ Schriftzug auf dem Kofferraumdeckel wiedererkennen. Er ist ein gern kopiertes Vorbild für billige Zubehörteile, aus dem Tuningregal vom Baumarkt. Am Clio RS ist er aber original und wird zurecht getragen.

Fazit:

Man darf ihn nicht einfach als billigen Rausch abstempeln. Dafür ist der Clio RS einfach zu liebenswert. Mich erinnert er ein wenig an Asterix, den Gallier. Auch er ist ein kleiner Wicht, der alles plattmacht, was sich ihm in den Weg stellt. Wundervoll!

Fotos: Caroline Jüngling Fotografie

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