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Kontroverses über Diesel und blaue Technik

Published On 19. April 2015 | By derautonormalverbraucher | Gedanken vom Fahrersitz

Wenn ich es mir gelegentlich abends bei einem Hopfenblütentee gemütlich mache, dann grüble ich oft lange über Verschiedenstes aus Welt der Autofahrer.

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Neulich kam mir in den Sinn, wie stark sich der Dieselmotor durch die letzten Jahrzehnte gewandelt hat. Ich meine damit nicht, dass Turboaufladung und Direkteinspritzung die Leistungswerte multipliziert haben. Das weiß vermutlich jeder. Stattdessen fand ich interessant, wie unterschiedlich die Popularität der Ölmotoren sich gegenüber der automobilen Klassik gewandelt hat. Gerade als Fahrer eines Mercedes Diesels wird einem bewusst, wie weitreichend die Historie meiner Hausmarke da ist, und obendrein, wie anders ein heutiger Selbstzünder wirkt.

Kurzer Rückblick auf den allerersten „Sprung“ in der Leistungsentfaltung:

1936: Die beiden ersten serienmäßigen Diesel-PKWs Mercedes 260D und Hanomag Rekord Diesel werden eingeführt.

1978: Der erste serienmäßige Turbodiesel im Mercedes 300SD, 300D/TD/CD Turbodiesel leistet 121-125 PS.

Innerhalb von 42 Jahren ist es also gelungen, von 40 PS auf 125 PS zu kommen. Das klingt natürlich erstens überhaupt nicht nach viel und war zweitens auch immer noch eine sehr seltene Sache. Man hat sich zwar Mühe gegeben, den Fünfzylinder als stärksten PKW-Diesel der Welt salonfähig zu machen, aber noch war das den Leuten eher nicht geheuer. Immerhin hatte damals schon die schwächste S-Klasse mit Benzinmotor 156PS (280S mit Vergaser), und das war den meisten Käufern noch zu lahm. Darum mussten über lange Zeit die Diesel dieser Welt mit deutlich unter 100PS auskommen. Am verbreitetsten waren die 60 und 72 PS im 200D und 240D, oder auch die 50 PS im Golf Diesel.

Mit geschwärztem linken Rücklicht und oftmals einem Taxischild auf dem Dach spulen diese Motoren bis heute Milliarden von Kilometern ab, zur Not auch mit altem Frittenfett. Auch noch in den 90ern konnte man lediglich ein wenig mehr Laufruhe gewinnen. Eine auch damals nicht undicke E-Klasse hatte als 250D gerade mal 94PS aus 2,5 Litern Hubraum. Immerhin waren wohlhabende Vielfahrer inzwischen schon recht zufrieden mit den 147PS aus einem 3,0 Liter Sechszylinder. Hier ist wohl als erstes ein Diesel-PKW zu verorten, der auch auf der Autobahn souverän den Einen oder Anderen hinter sich lassen kann. Allerdings war noch vor 20 Jahren dieser Motor mit der einzige, bei dem Dieselkraftstoff nicht mehr nur für zähe Nutztiere genutzt wurde.

Immerhin im Rest der Welt tat sich aber inzwischen was. Ausgerechnet Fiat schlägt 1988 mit dem Croma i.d. (iniezione diretta – Direkteinspritzung) auf die Pauke. Die gemeinsam mit Bosch entwickelte Direkteinspritzung schaffte aus nur zwei Litern Hubraum 90PS und 40% mehr Drehmoment als gewöhnlich. Knapp zehn Jahre danach kam dann noch die Common-Rail Hochdruckeinspritzung hinterher, z.B. im Alfa 156 JTD. Mittlerweile verwendete auch der VW Konzern mechanische Hochdruckeinspritzpumpen und Turbolader, um aus 1,9 Litern verschiedenste Leistungen zu quetschen.

Dadurch begannen Dieselmotoren auch für die breite Masse Fahrspaß zu bereiten. Dadurch bekamen die alten Schlachtrösser von Mercedes und Co. an der Tankstelle plötzlich eine ganz andere Konkurrenz.

Damit begann dann schlagartig der Wettlauf nach immer mehr Leistung, und immer weiterer Verbreitung. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, mit Drehmomentwerten herumzufahren, die vorher sonst nur Sportwagen erreichten, dass es für den Autonormalverbraucher schon ganz normal geworden ist. Der Diesel ist nichts besonderes mehr. Gerade bei den typischen Außendienstlerautos, C-Klasse, 3er, Passat, A4 usw. ist es mittlerweile viel ungewohnter, mal einem Benziner zu begegnen. Klar, dass sie genügend Kraft haben. Geringe Spritverbräuche ermöglichen außerdem Rasen ohne Reue.

So verliert man heutzutage schnell außer Acht, dass auch auf dem Gebiet der Benzinmotoren viel passiert ist. Und das nicht nur bei Kleinwagen. Meistens vergisst man, wie viel Laufruhe ein schöner Benziner mit sich bringt, selbst wenn die Diesel immer ruhiger werden. Privat bin ich immer mal wieder einen Mercedes E420 CDI gefahren. Einen Dampfhammer mit 314 PS und geschätzten Zigtausend Newtonmetern. Davon mal abgesehen, dass der für eine gemächliche Alltagsfahrt über die Autobahn schon fast zu stark ist, ist er ein gutes Beispiel für die moderne Sichtweise von Laufkultur. Natürlich ist er sanft und leise. Da vibriert nix, und man hört den Motor nur, wenn er mal kurz arbeiten muss. Vergleicht man ihn aber mit dem zeitgleichen 500er Benziner, ebenfalls ein V8, fällt auf, dass „sanft“ in Wahrheit ganz anders klingt.

Der Diesel ist im Klang sonor, bullig, oder auch „beefy“, wie der Angelsachse sagt. Bei einem benzinbetriebenen Oberklasseaggregat perlen aber plötzlich viel brilliantere Töne von Feinsinnig bis Furios in jeder Stimmlage. Bekannterweise gehört ja der Sechszylinder mit seiner perfekt ausgeglichenen Schwungmasse zu den nobelsten Akustikern die jemals Kraftstoff verbrannten. Heute fällt er aber immer mehr dem Downsizing zum Opfer. Wer aber heute mal wieder im MB E 240, Audi A6 2,4, oder BMW 523i von vor 15 Jahren unterwegs ist, dem fällt auf wie unglaublich leise und geschmeidig das ganze Auto wirkt, auch wenn sich ihr Durchzug mittlerweile nach Nix anfühlt. Im direkten Vergleich wirkt da mein eigener Diesel im Stand, als hätte man einen laufenden Presslufthammer im Wagen.

Der langen Rede kurzer Sinn ist hier also:

Habt Spaß mit starken, sparsamen Dieseln, aber genießt es wenn mal wieder ganz nobel ein gleichstarker Benziner am Werk ist! Wenn ihr lange keinen mehr gefahren seid, werdet ihr bestimmt staunen, wie schön das ist.

Es gibt aber noch einen Gedanken, den ich an diesen langen Abenden immer wieder zerpflücke. Er will mir nicht aus dem Kopf:

Warum um alles in der Welt, heißt der Diesel bei Mercedes auf ein Mal nicht mehr Diesel sondern „Bluetec“?

Ich schätze, wenn Rudolf Diesel ein Grab hätte, würde er mit mehreren Tausend U/min drin rotieren, jedes Mal, wenn in Stuttgart jemand diesen albernen Schriftzug auf einen Heckdeckel klebt. Ausgerechnet bei der Firma, die den Dieselmotor in den PKW gebracht hat und die dafür den weltbesten Ruf gewonnen hat denkt sich nun ein derart pseudomodisches Kunstwort aus, um knapp 70 Jahre Tradition einfach mal umzubenennen. Auf einem chinesischen Motorroller würde ich das ja okay finden, aber doch nicht auf einem Mercedes-Benz!

1993 wurde aus „D“ „Diesel“. Auch der ellenlange Wortlaut „Turbodiesel“ wurde schon länger verklebt. Als dann noch Common-Rail dazu kam, und Saugdiesel wegfielen machte man aus all dem Geschreibsel halt kurz: „CDI“. Immerhin war Diesel noch im Namen vorhanden. Das war beruhigend. Auch andere Hersteller, die heute den Ökotrend mitmachen fügen ihr persönliches Kunstwort halt als Zusatzplakette hinzu, aber man weiß überall immerhin noch, was man tanken muss. „Bluetec“ hat ja nicht mal eine wirkliche Aussage. Man kann ja mal versuchen an der Tanke 60 Liter „Blue“ zu kaufen, damit das Auto dann ganz viel „tec“ leistet.

Das ist doch albern, also echt…

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One Response to Kontroverses über Diesel und blaue Technik

  1. Egi Laufen says:

    Sehr interessant und kurzweilig geschrieben. Gern mehr davon!

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