skv_0421

Fahrbericht: Opel Astra H Caravan

Published On 15. April 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet

SKV_0421

Gut, dass ich meine Tests meistens nur mit „Fahrbericht“ als Überschrift eröffne. Ich hätte sonst lange nach einem passenden Titel für den Astra H überlegt. „Der ewige Zweite“ vielleicht, oder irgendwas mit „Underdog“. Hand auf’s Herz: Das wäre alles Käse.

Im Grunde fängt auch jeder Test über den Astra damit an, dass der große, omnipräsente Golf als Hauptkonkurrent genannt wird, der am Schluss doch immer die Nase vorn hat. Immerhin ist das hier ein Fahrbericht, und kein Vergleichstest. Außerdem spreche ich hier über einen Gebrauchtwagen, bei dem Preis-Leistungs-Verhältnisse anders gelten, als beim Neukauf.

Der Astra H wurde zwischen 2004 und 2010 gebaut und sollte wie so oft bei Opel wieder alles besser machen, als je zuvor. Das ist als Produkt die wichtigste Charaktereigenschaft des Astra H. Machen wir uns nichts vor: Die Kadetts und Astras zuvor waren in jungen Jahren nie so richtig schlecht, sind aber unheimlich kurzlebig und schnell zur alten Karre mutiert. Während viele Konkurrenten gut und gerne gebraucht genommen wurden fielen die ausgebeuteten Opels mangels Liebe ziemlich oft Rostfraß und Ölverlust zum Opfer, oder wurden technisch fit gehalten als Handwerksschlepper in aller Herren Ländern verschlissen, während auf Deutschen Schrottplätzen jungfräuliche Opelrückbänke in jungen, aber ruinierten Karosserien vor sich hin schimmelten.

Auch designtechnisch waren die Vorgänger immer sehr modisch – folglich danach auch schnell altmodisch. Selbst der gar nicht mal so schlechte Astra G findet sich seit einiger Zeit nur noch in Restverbrauchszuständen. Wieso soll also der Astra H etwas besonderes sein?

Ganz einfach: Scheinbar hat Opel damals versucht nicht einfach für den Moment etwas gutes abzuliefern, sondern ein Produkt zu erschaffen, was besser ist, als je zuvor.

Also endlich zur Sache:

Wie „geht“ also Kompaktwagen? Musterbeispiel Golf: Der sieht immer einigermaßen unüberraschend aus, aber nie schlecht. Sehr erwachsen, technisch gut und in seiner Machart so, dass wirklich jeder damit glücklich werden kann.

Und genau das finden wir beim Astra H Caravan. Er schlägt eine Brücke vom weißen Monteurskombi ohne Extras oder Leistung, bis hin zum wirklich eleganten Familienbegleiter, der in der Neubausiedlung parkt und mit Extras der Oberklasse verwöhnt. Keiner der beiden wirkt dabei billig oder minderwertig. Glattflächig gefällig gestaltet strahlt er die nötige Souveränität aus, die vielen futuristisch-aggressiven Mitstreitern oft fehlt. Man könnte auch sagen, dass ein Astra langweiliger aussieht, als ein Hyundai i30. Theoretisch ist das sogar richtig, aber:

1: Jeder weiß, dass ein Mittelklassekombi nix ausgefallenes ist, darum muss er optisch nicht so tun als ob.

2: Mit 20-Zoll Rädern und LED Scheinwerfern funktioniert ein „krasses“ Designkonzept vielleicht. Vor dem Kindergarten und auf Stahlfelgen… nicht.

3: Noch ein letzter Blick auf den Golf. Hatte er jemals riesige Radläufe oder ein hektisches Heck? Nö.

SKV_0430

Optisch kann er also genau, was er können muss. Was leistet die Technik? Taugt der Astra auch hier zum Langzeitauto? Qualitativ findet auch hier eine recht gelungene Mischung statt. Klar werden stinknormale Verschleißteile im Alter austauschreif. Manches wird auch öfter fällig, als beim Golf, allerdings sind das beim Durchschnittsastra nur eher kleinere Sachen, wie Kugelköpfe in der Lenkung oder mal eine gebrochene Feder bei strapazierten Autos. Schwerer fällt leider ins Gewicht, dass einige Aggregate nicht ganz zur restlichen Qualität passen. Lenkgetriebe und Klimakompressoren haben ähnlich oft Ausfällte zu verschulden, wie die wohl übelste Achillesverse des Astra H. Hier sind wir bei etwas richtig fiesem angekommen. Dem Getriebe. Genauer: Das 6-Gang Getriebe des starken 1,9er Diesels mit 150 PS und 320 Nm. Die Schaltwelle der typischen Autobahnhgänge 5 und 6 schlägt chronisch aus und zerstört dabei ihre Lagerschalen.

Genau das ist auch meinem Testwagen widerfahren, der zum Fototermin mit frisch überholtem Getriebe anreiste. Der Schaden geschah bei gerade mal 107.000km in schonender Fahrweise.

Der bessere Gebrauchtkauf ist also der Wagen, der vielleicht eine höhere Laufleistung, aber dafür ein bereits überholtes Getriebe besitzt. Ansonsten ist bei genannten Aggregaten auf Geräusche und Ölverlust zu achten.

Auf eine etwas andere Sichtweise ist dieser Rat aber kein schlechtes Zeugnis für den Astra. Im Klartext:

Die Gesamtqualität und die Machart ist tatsächlich so gut, dass sich ein komplett durchreparierter Gebrauchter auch im Alter lohnt. Der Testwagen wurde immer gut behandelt, also nie überladen, immer warmgefahren und kaum auf Kurzstrecken aufgerieben. Er dankt es mit einem blendend frischen Eindruck, der deutlich spürbar ist.

Was klingt, wie eine Zahnpastawerbung beschreibe ich nun in den Kategorien Fahrverhalten und Innenraum.

Fahrverhalten:

In jeder Hinsicht ist das passende Wort: Stramm. Wo der 1,4er Benziner mit seinen 90PS emsig und erfreulich vornehm dreht, fühlen sich auch die schwereren Dieselmotoren immer noch leicht und dynamisch an. Stramm und vor allem sehr sehr direkt fühlt sich die Lenkung an, und auch das Getriebe – sofern es korrekt funktioniert. Stramm ist das Fahrwerk. Mehr, als im komfortablen Golf. Es ist aber bei weitem nicht zu hart, und filtert Grobes recht locker weg. Besonders mit dem optionalen elektronisch geregeltem Fahrwerk IDS+ mit „Spocht“-Taste ist man sehr erwachsen unterwegs. Die Kombination mit dem 150PS Diesel ergibt ein wirklich vorzügliches Autobahnauto. Dieser Motor ist untypisch elastisch und gibt seine Kraft gleichmäßig, aber eher im oberen Drehzahlbereich ab, wo andere Turbodiesel einem eher einen dicken Drehmomentklops unter der Gürtellinie reindrücken.

Die Verbrauchswerte sind okay, wenn auch nicht berauschend. Das kann der 2,0 TDI wirklich besser. Bei nicht allzu rasanter Fahrt schafft man schon die 5 vor dem Komma, aber im alltäglichen Normalmix landet man meist so bei 6,2 bis 6,5l auf 100 km.

Innenraum:

SKV_0411

Stramm geht’s auch mit der Haptik des Astra weiter. Das gilt für die satt schließenden Türen und auch für die elektronischen Lenkstockhebel à la BMW. Das nicht physische Zurückstellen der Blinker bedarf nur kurze Gewöhnung und funktioniert dann gut. Leider fehlt dem Blinkerhebel eine An-/Austaste für den Tempomat, weswegen man zur Unterbrechung immer kuppeln oder bremsen muss. Das ist dämlich und am falschen Ende gespart.

Das Lenkrad ist angenehm hochwertig und hat einen dicken, weichen Kranz. Obwohl dreispeichig sind diese nicht zu breit und unhandlich. Auch das Armaturenbrett lässt sich nett anfassen und sieht immer recht nobel aus. Es mündet relativ weit unten in die Mittelkonsole, die herrlich geradlinig gestaltet ist. Das sieht natürlich erst dann richtig gut aus, wenn sie im dunklen Dekor der höheren Ausstattungen daherkommt, und die obere Schalterreihe so breit gefüllt ist, wie auf dem Foto. Immerhin: Es gibt keine Blindstopfen! Im Golf genießt man das so nicht.

Jetzt aber doch noch ein Wort zur Kritik:

Passend zu meinem letzten Artikel über Tester, die bedienungsunfähig am Radio drehen, tue auch ich mich im Astra H schwer. Auch nach einigen Fahrten funktioniert da bei mir weder die Intuition, noch intensives Ausprobieren. Ich mag die Dreh-Drück Bedienung der Radiosysteme nicht. Beherrscht man das aber irgendwann, funktioniert das Infotainment recht gut, habe ich mir sagen lassen. Klanglich ist das von mir getestete CDC 40 Opera mit CD-Wechsler nicht übel.

SKV_0391

SKV_0392

Auch sitzt es sich sehr fein. Passform, Seitenhalt und Langstreckenkomfort sind Opeltypisch weltklasse! Nur für sehr große Fahrer, wie mich fehlt am Ende ein wenig der Verstellspielraum. Ich würde gerne etwas tiefer und weiter hinten sitzen, aber für fast alle anderen Fahrer passt das gut. Das Leder im Testwagen ist nach rund 100.000km noch immer gepflegt, könnte allerdings noch ein bisschen dicker sein.

Allgemein ist relativ viel Platz vorhanden. Der Caravan profitiert deutlich vom 9cm längeren Radstand gegenüber der Limousine. Lediglich die Innenbreite dürfte noch einen Hauch üppiger sein.

Wichtig für den Caravan ist natürlich allem voran der Kofferraum. Mit 500-1590l Fassungsvermögen ist er ausreichend für alle Lebenslagen. Auch eine Matratze kann man mal reindrücken.

SKV_0404

Fazit:

Bei aller Lobhudelei über die Qualitäten des Astra H habe ich meinen subjektiven Pluspunkt Nummer 1 noch nicht genannt. Er bietet alles Genannte auf sehr souveräne Art. Eine saubere Ingenieursleistung, dass der Wagen je nach Karosserie und Ausstattung „nur“ 1300-1500kg wiegt. Natürlich ist das nichts besonderes für einen Mittelklassewagen. Stellen wir nun aber die Verbindung zu meiner Einleitung her. Ich habe erwähnt, dass der Astra H erstmals nicht so modisch und qualitativ kurzlebig ist, wie seine Vorgänger. Der Astra J hingegen steht als Nachfolger wieder sehr opelig da. Natürlich wirkt er innen und außen schick, allerdings wird es in 10 Jahren fraglich sein, ob nicht der Astra H doch frischer und zeitloser aussieht. Der neue Astra ist außerdem extrem unübersichtlich, und nutzt seinen Innenraum weniger effizient. Alles Zugeständnisse an die Mode. Das gipfelt im Gewicht, was je nach Auto mindestens 200kg über dem des Vorgängers liegt. Würde man den sparsamen 1,6er Diesel aus dem Astra J in den H verpflanzen, so hätte man wohl den perfekten Astra.

Armselig, dass das erfolgreiche Qualitätsprodukt nur aus optischen Gründen von einem solchen bleischweren Styleklumpen abgelöst wurde, nur weil man bei Opel mal wieder das Rad neu erfinden musste, anstatt sich einfach mal an festen Größen zu orientieren, die augenscheinlich funktionieren.

Das klingt jetzt recht radikal von mir. Ich meine nicht mal, dass der Astra J wirklich schlecht aussieht, aber ich finde einfach dass nur für eine erneuerte Form keine technischen Rückschritte in Kauf genommen werden dürfen.

Daher ist also der Astra H ein echt empfehlenswerter Dauerläufer. Bequem und zuverlässig ist er jedem Job gewachsen. Gerade weil er ein Opel ist, ist er schon als junges Auto, wie der 6-Jährige Testwagen relativ günstig zu bekommen. Ich möchte auch noch anfügen, dass Opel eine Kulanz von 60% auf die Reparatur des Getriebes übernommen hat.

Für den Kauf rate ich dazu ein klein wenig mehr Geld in die Hand zu nehmen, um einerseits einen guten Wartungszustand und andererseits die wirklich hochwertigen Extras genießen zu können. Nettigkeiten wie das kurvendynamische Bixenonlicht machen einen tollen Fahreindruck. So erhält man im Vergleich zum Golf ein Auto was nicht wirklich schlechter ist, aber für gleiche Preise viel mehr Verwöhnaroma bietet. Daumen hoch!

SKV_0444

Fotos:

Andreas Kovacs

Like this Article? Share it!

About The Author

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *