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Ladekante, Knöpfe und Co. Realitätsfernes aus Testberichten

Published On 3. April 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet, Gedanken vom Fahrersitz

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Zu hohe Ladekante? Komplizierte Bedienung? Falsch angegebener Verbrauch? Nervige Bemerkungen in fast allen Testberichten.

Genau wie die meisten anderen Benzinköpfe, verbringe auch ich gern die ruhigen Momente des Tages mit allerlei Autoliteratur. Am meisten beschäftige ich mich mit Testberichten. Sie gibt es in großen Mengen, und sie sind angenehm greifbar und realitätsnah. Es gibt aber Dinge, die in der Realität kaum vorkommen, wohl aber in viel zu vielen Testberichten.

Ich rede hier über die Kritikpunkte, die meistens dann genannt werden, wenn dem Redakteur wohl sonst nichts mehr einfällt. Die mögen vielleicht beim Testen aufgefallen sein, sind aber ganz anders zu erleben, wenn man ein Auto erst einmal im Alltag fährt. Der Sinn von diesem Beitragsbild zum Beispiel:

Bei vielen Autos, deren Ladekante mal nicht zu 100% so weit unten ist wie es nur geht, liest man in jedem Testbericht, wie hoch sie ist. Das wird gar nicht mehr erklärt. Da steht dann nur ein Minuspunkt in der Wertung und dahinter: „Zu hohe Ladekante“. Wenn man mal am Wochenende den Leidensweg durch schwedische Möbelhäuser hinter sich gebracht hat und danach, während die ganze Karre schon nach Duftkerzen stinkt noch ein langes Regal mit merkwürdigem Vornamen in den Kofferraum schieben muss, dann kann eine Ladekante ab und zu mal stören. Glücklicherweise passiert das nun aber auch nicht so oft. Der Alltag beinhaltet doch meistens Transportgut, was wir vorher ohnehin aus dem Einkaufswagen wuchten müssen. Und der ist, wie man im Bild sehen kann, sowieso schon höher als die meisten Ladekanten. Und wer im Außendienst mit Musterkoffern, oder schwererem Gerät unterwegs ist, sucht sich auch ohne wichtigtuerische Tests ein zweckmäßiges Auto.

Etwas anderes, das beim Lesen nervt: Kritik an Knöpfen.

Beispiel: Die inzwischen facegeliftete  (gut, dass bei Mercedes nur gemopft wird…) Generation der Opelmodelle Astra J, Insignia, Meriva B usw. musste sich in fast allen Tests gefallen lassen, dass man über die Knöpfe im Innenraum hergezogen ist. Zu unübersichtlich, verwirrend, oder gar unnötig wurden die Knöpfchen genannt. Das hat die Ingenieure in Rüsselsheim wohl so verängstigt, dass das Insignia Facelift nun seine Innenraumtemperatur per Touchoberfläche einstellen lässt. Na ganz toll! Ähnlich war es bei Ford. Vor wenigen Jahren haben wohl alle Autojournalisten beschlossen, dass sie die Bedienung der Radios von Ford schlecht finden.

Ich habe ja Verständnis dafür, dass sich ein Redakteur ständig und schnell in immer neuen Autos zurechtfinden muss. Diese Erfahrung kenne auch ich persönlich. Auch ich bin schon gelegentlich auf Bedienkonzepte gestoßen, die ich nicht auf Anhieb verinnerlichen konnte. Aber am wichtigsten ist doch, dass der tatsächliche Besitzer des Wagens sich im Alltag daran gewöhnen kann. Und gewöhnen kann man sich an vieles, auch an Knöpfe. Bei der Computertastatur habe ich ja auch im Kopf, wo welcher Knopf liegt. Außerdem finde ich viele Knöpfe eigentlich super. Mal ehrlich: Würden wir nicht alle gerne unsere Motoren starten, indem wir eine Reihe von Kippschaltern mit Sicherheitsdeckeln einen nach dem anderen durchschalten, während ein Turbinengeräusch aus dem Motorraum aufkommt? Früher standen Knöpfe noch für Wohlstand. Im 8er BMW, einem großen Reisecoupé der 90er, gab es ein regelrechtes Flugzeugcockpit. Und auch beim älteren Mercedes, kann man die Menge der Sonderausstattungen sofort an den Knöpfen feststellen, deren Abwesenheit nicht verblindstopft wurde, wie heute.

Knöpfe sind super, und Alternativen machen nur dann Sinn, wenn sie nicht mit der Brechstange aufgezwungen werden. I-Drive von BMW, bzw. das Audi MMI sind vorzüglich und verzichten nicht ganz auf Knöpfe. Peugeots Aufräumaktion mit Touchscreen und fast ohne Knöpfe hat hingegen die ohnehin schon schlechte Bedienbarkeit damit ins Unmögliche geführt. Die Vorgänger der besagten Opelgeneration hatten Radios und Bordcomputer mit zentralen dreh-drück Auswahlrädern. Damit bin z.B. ich nie wirklich zurechtgekommen. Ich kenne aber Leute, die das System besitzen, sich daran gewöhnt haben, und es gut finden. Solange also die wichtigen Bediensysteme nicht gänzlich unsinnig aufgebaut sind, was nur selten der Fall ist, sollte ein Autoredakteur auch den Gewöhnungsfaktor beachten. Ob man sich an etwas im Alltag gewöhnt, hat schließlich nichts damit zu tun, ob der Autor schlau genug ist, es sofort zu verstehen.

Besonders, wenn ich in der Autorubrik von „Spegel-Online“ lese, bin ich bei bestimmten Redakteuren sehr gestört durch deren Tiraden über Testverbräuche.

Erstens: Man muss sich nicht darüber auslassen, dass große und luxuriöse Autos mehr verbrauchen, als ein dreizylindriger Polo TDI. Wer sich ein dickes Auto leisten will, der kann sich auch etwas mehr Verbrauch leisten. Außerdem ist es mir schon gelungen, Mittelklassewerte mit Autos der Oberklasse zu erzielen. Damit wären wir bei

zweitens: Wie fahren die denn bei ihren Tests? Früher war bei „Auto, Motor und Sport“ Artikeln klar: Der Testverbrauch ist hoch, weil man die Autos dort eben sehr beansprucht. Logisch. Ist es dann also nicht kompletter Blödsinn, dass ein und derselbe Autor im „Spiegel“ bei jedem Auto, was er testet, bemängelt, dass die Werksangabe nicht eingehalten wird? Glaubt er denn wirklich, dass alle Autoherstellern nur Quatsch angeben, und allein seine eigenen Fahrtests der Realität entsprechen?

Natürlich muss man sich Mühe geben, um so niedrige Verbräuche zu erzielen. Und natürlich wird bei der Werksangabe das eine oder andere Zehntel herbeigeschummelt, aber es sind Mindestangaben für bestimmte Fahrsituationen. Wer die erreichen will, der schafft es mit etwas Mühe auch meistens in etwa. Da reicht es auch, dass einem ein Paar rote Ampeln zuviel den Verbauch verhageln. Das kommt vor, ist aber jedem bedachten Fahrer wohlbekannt. Es ist falsch, als Hersteller zu niedrige Werte anzugeben. Es ist aber auch falsch, den eigenen Testverbrauch als einzige Wahrheit zu untermauern. Gerade beim „Spiegel“ fällt mir auch gelegentlich auf, dass meine eigenen Testverbräuche noch ein ganzes Stück unter dem liegen, was die Redakteure dort so zusammenfahren. Aber das gehört hier nicht hin…

Leute, die über Autos schreiben haben ein Privileg. Sie können ihre subjektive, eigene Meinung relativ unbeeinflusst mit einer großen Menge von Menschen teilen. Dabei werden leider oft Eindrücke breitgetreten, die bei ein paar Stunden des Testens aufgefallen sind. Dadurch wirken viele Testberichte oft ein wenig realitätsfern. Selbstverständlich sind meine Berichte auch subjektiv, aber ich stelle zum Schluss keine Punktelisten zusammen, sondern vertrete nur meine Meinung. Glücklicherweise kann ich meine Testwagen im Alltag meist ein wenig länger ausprobieren, was für gewisse Erfahrungen sorgt. Bei mir kriegt man also eher einen gutgemeinten Rat, als dass ich versuche meine eigenen Pros und Contras auf Biegen und Brechen in Aussagen zusammenzufassen, über die man dann am Ende doch streiten kann.

Fazit:

Liebe Schreiberlinge: Steht zur Subjektivität. Eure Meinungen sind schön und gut, aber von fundamentalen Verallgemeinerungen an jeder Ecke hat niemand was. Schon gar niemand, der gerade ein Auto kaufen will.

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