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Die 700€ Limousine. Fahrbericht Ford Scorpio

Published On 1. April 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet

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Bei allen Berichten über das Kaufen von Verbrauchtwagen hat mir bisher immer noch ein schönes Beispiel gefehlt. Das kommt jetzt in Form eines sehr speziellen Autos.

Dieser Wagen ist wahrscheinlich Rekordhalter im Preis-/Leistungsverhältnis. Ein klassischer Kandidat der verkannten Fahrzeuge, die niemand will. Der 95er Ford Scorpio.

Der letzte Lebensabschnitt, der mit dem großen Facelift 1995 für den Scorpio begann, war Fords Abschied vom Bürgerlichen Großwagen. Allein Opel baute den Omega noch ein paar Jahre länger. Heckantrieb und viel Platz, gab es seit dem nur noch aus Stuttgart, München und Ingolstadt.

Die Glanzzeit dieser ausgestorbenen Fahrzeugklasse waren die 70er Jahre. In allen Farben bevölkerten Consuls und Granadas, aber auch Commodores und Senators die Waschbetoneinfahrten der Wohnsiedlungen. Man konnte Luxusversionen noch an kleinen Nettigkeiten, wie einem extra hochflorigen Veloursteppich, oder schwarzen Streifen zwischen Rückleuchten erkennen. Immerhin kamen mit ihnen auch die ersten volkstümlichen Alufelgen auf die Straße. Mit heruntergekurbelten (!) Scheiben und Fußball im Radio wurden die Wagen an Samstagnachmittagen erst ausgesaugt und dann mit Schwamm und Eimer gewaschen. Heute macht mein Schreibprogramm eine rote, gezackte Linie unter das Wort „heruntergekurbelt“. Sandsäcke und Bürgersteigplatten wurden bei Glätte in die episch großen Kofferräume der Reiselimousinen gelegt, die trotz ihrer Größe noch weit leichter waren, als ein heutiger Opel Astra. Heut denken viele der subfontanell eher spärlich möblierten Autofahrer bei Winter und Heckantrieb ausschließlich an heißspornige Driftversuche. Horden von Kindern malten an Sonntagen mit dem Finger Muster in das feine Velours der Rückbänke, wenn es mal wieder zu Kaffee, Kuchen und Schlagsahne aus der Sprühflasche zu Oma, oder Großtante ging. Heute fehlt den meisten dazu einfach die Helligkeit, weil die Bärchensonnenschützer hinter den Scheiben aus getöntem Privacyglas kaum noch Licht durchlassen.

So erzählt dieser letzte Scorpio von einer Zeit, die eigentlich gar nicht so schlecht gewesen sein kann. Er hat in seinen Jahren von 1995 bis 1998 versucht, sie irgendwie in die Modernität zu retten, und scheiterte. Eigentlich kam er schon 1985 raus, was man an der Fahrgastzelle auch noch gut sehen kann, allerdings wurde er innerhalb von zwei Facelifts sehr modernisiert. Immerhin handelt es sich hier um Fords erstes ganz am Computer entwickeltes Design. Front und Heck orientieren sich dabei stark am US-Amerikanischen Ford Taurus, fallen aber im Grunde viel viel VIEL eleganter aus. Trotzdem war diese starke optische Veränderung einfach zu viel für das konservative Großbürgertum, was ihn bis dahin noch gekauft hat. Kaum jemand wollte ihn mehr. Dieses Schicksal zieht sich bis heute. Selbst in Youngtimerzeitschriften muss er sich noch diesen Spott gefallen lassen. Hier ein paar Zitate:

„(…) musste (…) der Scorpio der zweiten Generation hinnehmen, dass seine (…) Hässlichkeit heroisch genannt wurde(…).“

„(…) wer mit Glubschaugen und Leuchtenband leben kann, erhält einen komfortablen Gleiter.“

„Das zweite Facelift (…) verstört die Kunden völlig.“

Nur das scheint der Grund zu sein, dass ihn heute niemand mehr will. Trotzdem, bietet er mit treuem Blick immernoch mit epischer Selbstverständlichkeit die Qualitäten, für die er einst geschaffen wurde. Zum Glück für einen guten Freund von mir. Er kam vor knapp einem Jahr auf mich zu und meinte nach ewiger studentischer Pendelei wäre es endlich mal Zeit für ein Auto. Das Problem war nur, dass er weder Ahnung, noch Geld hatte, aber dabei trotzdem irgendwie gediegen unterwegs sein möchte. Das typische Szenario „billig, aber gut“ in seiner preislich geringsten Form.

Bei einigen Hopfenblütentees an diesem Abend machte ich ihm viele Vorschläge. Günstige Dauerläufer, wie Audi 80 und Golf 2, abenteuerlich abgenudelte BMWs, gammelige Langweiler wie Mondeo und Vectra, aber auch Spezialisten, wie der Subaru Impreza waren dabei. Letztenendes waren die meisten Autos entweder zu teuer, zu kaputt, zu langweilig, oder zu unmöglich zu finden. Wir kamen noch zu keiner Liebe auf den ersten Blick. Schließlich ging ich an meinen Zeitschriftenschrank, und zog eine „Youngtimer“ heraus, bei der ich mich an einen Vergleichstest Scorpio gegen Omega erinnerte. Ich sagte ihm, er solle sich mal den Ford ansehen. Entweder er wäre total begeistert, oder ziemlich abgestoßen. Ich versicherte ihm, es gäbe keine unklare Meinung. Ich behielt recht, und er war sofort Feuer und Flamme für den Scorpio. Größe und Design faszinierten ihn, sorgenfreie Technik beruhigte mich als schraubenden Beistand.

Mit dieser Entscheidung wurden Versicherungstarife eingeholt und die möglichen Motoren geprüft. Da mein Kumpel nur gelegentlich mal auf Langstrecke gehen wollte, war ein Benziner kein Problem und der moderne 2,0 16V verband okaye Leistung mit okayem Verbrauch. So einer sollte es sein. Beim Blick in mobile.de zunächst Ernüchterung. Es gibt wirklich nicht mehr viele. Wir fanden trotzdem einen und sind tags drauf in die Weiten des Thüringer Waldes aufgebrochen, wo uns ein silberblauer Scorpio Bj. 96 mit etwa 90.000km erwartete. Die längste Zeit pflegte ihn ein alter Herr, und im Jahr darauf wurde er noch zum Pendeln von kundiger und vertrauenswürdiger Hand genutzt. Ich fuhr probe und arrangierte eine Hebebühne. Diagnose: Bremse am Ende, klappernde Koppelstange und weggefressener Radlauf hinten links. Nach kurzem Handeln, und weil das Poltern der Koppelstange wesentlich teurer klang, als es war, wechselten statt 1000€ nur noch 700€ die Hand und wir kehrten mit dem neuen Wagen heim. Die fahrt war so gemütlich und entspannt, wie man es sich von so einem Reisesofa vorstellt. Sofort stellte sich dieses Gefühl der Vertrautheit ein.

Genau so muss ein solcher Deal laufen. Wer so tief ins Regal greift, muss auch wissen, was er ins Auto noch reinstecken muss. Dafür kann man wiederum danach gut ausrechnen, was der Kaufpreis so hergeben muss. Beim Scorpio kamen sogar noch gute Winterräder mit. Dabei ist natürlich ein einigermaßen gescheiter Verkäufer auch echt wichtig.

Nun stand das Auto also da und wurde relativ flott und günstig entmängelt. Ein weiterer Vorteil von großen, aber einfachen Autos, ist die übersichtliche und greifbare Technik. Mit vereinten Kräften mussten wir eigentlich nur noch den Materialpreis investieren. Etwa 300€ für die Bremse und nochmal jeweils 30€ für die Koppelstange und ein neues Fahrertürschloss. Die Reperatur des Radlaufs gelang mit händischem Dengeln, Schweißen, Spachteln und Schleifen. Das rechte Schwellerende wurde zur Sicherheit auch gleich geschweißt. Wenn dieser Winterrest endlich vorüber ist, werde ich den fertigen Radlauf nur noch hübsch lackieren, und dann sieht man das Problem nicht mehr. Der TÜV hatte jedenfalls nur zu bemängeln, dass das Kennzeichen auf der grünen Feinstaubplakette nicht mehr zum Auto passte. Also wurde die kurzerhand runtergerupft, und fertig ist das mängelfreie Auto für insgesamt rund 1000€. Sorglos gut und günstig also. Wie fährt das Discountmobil also?

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Im Grunde fährt es genau wie die beschriebene Essenz der bisherigen Großwagen jeweils auf neuestem Stand. Das heißt: Durchaus ein wenig behäbig und weich, aber unglaublich sanft und unaufgeregt. Alles geht leicht von der Hand und sorgt für entspanntes Fahren. Man merkt, dass das Fahrwerk bewusst so abgestimmt ist, weil er ja gar nicht so schwer ist, wie er aussieht. Ford beweist, wie so oft dass sie sehr feinfühlige und komfortable Fahrwerke bauen können. Durch den langen Radstand läuft er unerschütterlich geradeaus und auch der Motor ist souverän genug zum gleichmäßigen Gleiten. Dadurch, dass er immerhin der mondernste ist, den es im Scorpio gab kann man ihn recht gut mit 8-9 Litern durch den Alltag bewegen. Die Automatik ist nix besonderes und auch nicht immer die geschmeidigste, aber arbeitet genauso unaufgeregt, wie sie soll.

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Der Kofferraum fasst nach vorsichtiger Schätzung dreieinhalb Überseecontainer und öffnet sich extrem Weit. Der Heckdeckel ist sehr großflächig und schließt wahrlich wertig. Das klingt besser, als bei meinem Benz.

Kommen wir nun zum Innenraum:

Ihr kennt doch alle dieses bürgerliche Wohnzimmer. In der Ecke ein glänzender Gummibaum, gegenüber ein großer schwarzer Röhrenfernseher einer Marke, die es nicht mehr gibt. Dazwischen ein barockes Gelsenkirchener Ensemble bestehend aus schaumstoffweicher Couch mit graublumigem Veloursbezug im schwerdunklen Eichenholzrahmen und dem dazugehörigen Tisch aus dem gleichen Holz, der aber Bedeckt ist von bräunlichen aber handbemalten Steinfliesen. Darauf eine diagonale Tischdecke, eine Fernsehzeitschrift mit Lesebrille und die klotzige Fernbedienung für den TV. Kennt ihr? Kennt ihr.

So, aber wirklich genau so ist es im Scorpio. Nicht schön, aber wenn man in Jogginghose die Füße hochlegt und D-Max guckt eigentlich schon. Die Sitze Sessel passen zur Couch und das Holzimitat macht das ganze noch einen Schubser wohnlicher. Aber: Genau wie im Wohnzimmer ist alles wirklich gut gemacht, und fühlt sich nicht schlecht an. Das Armaturenbrett wirkt wertig, glatt und weich. Das Leder am Lenkrad ist dick und angenehm im Griff. Die zartgrüne Beleuchtung sorgt für sorglose Stimmung und gute Übersichtlichkeit. Der mit kleinen Knöpfchen bedienbare Bordcomputer stellte 1996 wohl sowas da, wie der Bereich der TV-Fernbedienung, der nie genutzt wurde, ist aber heute für Verbrauchswerte und co. echt nützlich. Selbstverständlich funktioniert alles. Das gilt auch für die elektrisch höhenverstellbaren Sitze mit pneumatischer Lordosenstütze (!) und die Klimaautomatik mit Display. Vom Schrott gab es vor ein paar Monaten noch das optionale, bessere Soundsystem für die Hutablage. Zusammen mit dem originalen Radio sieht alles aus, wie es soll und klingt ganz passabel. Hinten ist Platz für alles und jeden, und eine plüschige Armlehne gibts auch. Genau so wie es immer war und sein sollte. Und das „tatsächliche“ Alter (also nun 30 Jahre, seit 1985) merkt man ehrlichgesagt höchstens an den relativ steil stehenden Scheiben.

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Und nach all der Schelte über sein merkwürdiges Design, wird es jetzt endlich einmal Zeit, dass man entdeckt, wie cool diese Kiste eigentlich ist. Nicht nur dass man nirgends so viel Auto fürs Geld bekommt, sondern auch:

Das war jetzt ein Bericht über einen 700€ Verbrauchtwagen und ich habe beschrieben, wie lässig und gediegen der Wagen ist, und nicht was man bei diesem Budget für Abstriche oder Gefahren im Auge behalten muss. So kann man hervorragend Autofahren, für sehr wenig Geld. Außerdem würde ich viel lieber so einen schicken Scorpio fahren, als viele andere mindergute Autos. Und wenn im Sommer statt Fiestaradkappen wieder die dicken schönen Alufelgen draufkommen und einige Blessuren verarztet werden finde ich ganz persönlich auch die Optik echt gelungen.

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3 Responses to Die 700€ Limousine. Fahrbericht Ford Scorpio

  1. Volkmar says:

    Herunter gekurbelt wird ja auch auseinander geschrieben. Aber der Bericht über dieses herrliche Auto ist schön zu lesen.

  2. Hallo

    Super Bericht. Ich selbst bin Ford Scorpio-Fan, Ford-Scorpio-Besitzer und habe mir letztes Jahr im April 2014 für CHF 400.00 ein Ford Scorpio 2.4 i CL, also die billigste Ausführung ohne wenig Zubehör, manuelle Scheibenheber vorne und hinten, nur die nötigsten Kontrolllampen, man. Schiebedach, Nebellampen vorne, Frontscheibenheizung hat das Fahrzeug. 203’639 km hatte das Fahrzeug, jetzt 210’000 km und lädt immer noch. Diesen Winter fuhr ich das Fahrzeug nicht. Leider hatte das Fahrzeug den, habe dann ein DAB+-Autoradio eingebaut.

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