Baukasten à la carte – Meinung zum Skoda Rapid

Published On 25. März 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet

Eins ist klar: Ohne Baukastensystem geht heute beinahe gar nichts mehr im Automobilbau. Das ist aber alles nichts neues, wenn man mal in die Vergangenheit blickt…

Schon in den 50er Jahren fand sich unter verschiedensten Mercedesmodellen ein sogenannter Fahrschemel aus Motor, Lenkung und Vorderachsaufhängung, der zumindest theoretisch eine weiträumige Austauschbarkeit zwischen Ponton Limousine, 190SL, Transportern usw. ermöglichte. Klassischerweise verbindet man den Gedanken der Gleichteilstrategie wohl mit dem VW Konzern. Dass Käfer und Bulli zweieiige Zwillinge sind, ist auch klar. Auf einer Plattform verbanden sie alles von wenig bis viel Platz, über Geländegängigkeit bis hin zur Schwimmfähigkeit mit mehr oder weniger demselben Heckmotor. Das ging in der Frontantriebs- und Wasserkühlungsära unverändert weiter. Der legendäre EA827 Vierzylinder wurde 1972 eingeführt und mit Myriaden verschiedener Hubräume über fast vier Dekaden in fast undenkbarer Vielfalt eingebaut. Wir finden Golfteile in Passat, Polo, Caddy, Touran Bus, und dutzenden PKWs aus den anderen VAG-Marken. Da darf natürlich Skoda auf keinen Fall fehlen. Ende der 90er ist die Tschechische Marke schlagartig populär geworden. Geheimrezept war der Octavia, der beinahe Passatgröße auf der unveränderten Golf 4 Plattform bietet. Darüberhinaus konnte sich VW selbst dadurch immer mehr hin zum Premiumsegment entwickeln, da ein Passat immer edler wurde und man einfachste Ausstattungen und kleinste Motoren gar nicht mehr anbieten musste. Dafür durfte dann ein Octavia Kombi mit brüllenden 75 PS aus dem 1,4er Bauwerkzeug und Zementsäcke schleppen.

Immerhin hat sich nun auch Skoda ganz schön gemausert und bietet mittlerweile in jeder Größe von einfach bis exquisit alles, was man sich wünscht. Noch praktischer wird das Ganze, wenn es nach, wie vor mit der Faustregel: Mehr Auto auf weniger Plattform kombiniert wird. Das gilt schon immer für Octavia und Superb. Ein Fabia hingegen war immer ein gleich großes Poloderivat. Mit dem Rapid (auch erhältlich als Seat Toledo) wird aber seit 2012 eine neue Raumlösung für die Poloplattform angeboten. Ihn gibt es als Schräghecklimousine mit Heckklappe, sowie als „Spaceback“, der mit seinem kurzen Steilheck nur ein bisschen auf Kombi macht, und so in seiner Silhouette an den Audi A3 Sportback erinnert.

Dieser Rapid Spaceback ist auf den gesamten Volkswagenkonzern bezogen so etwas wie die eierlegende Wollmilchsau. Ihn trefflich zu umschreiben bedarf es vieler Adjektive. Er ist kompakt und leicht, wie eben ein Polo. Er ist motorisiert, wie ein (einfacherer) Golf, wiegt aber weniger. Er ist schmaler und kaum länger als ein Golf, bietet aber mehr Stauraum (415l vs. 380l). Er ist mit entsprechender Ausstattung keine karge Kiste, kostet aber deutlich weniger.

Das einzige, was den Golf tatsächlich vom Rapid abhebt sind moderne Assistenten und Echtzeitnavis, sowie ein paar Feinheiten, wie marginal satter schließende Türen. Dabei gibt sich der Rapid aber immernoch liebenswert durchdacht mit seinen Taschenhaken, der herausnehmbaren Kofferraum-/Taschenlampe oder dem Parktickethalter. Ein weiterer Vorteil des Rapids ist der Preis. Technisch ist er ja der inzwischen abgelöste Fabia. Das macht sich faktisch aber nur an ein paar Euro mehr für die KFZ Steuer bemerkbar, aufgrund der etwas schlechteren Schadstoffklasse. Der Rapid entstammt sozusagen der Golf 6 Generation. Das sorgt für die momentan überaus günstigen Preise.

Beim freundlichen Skodahändler wurden mir tageszugelassene Rapid Spaceback mit dem 105 PS TSI und fast Vollausstattung als „Style“ Sondermodell für rund 15000€ in verschiedenen Farben zur direkten Mitnahme angeboten (der auf dem Bild, z.B.). EU-Reimporte kommen noch billiger. Immernoch relativ viel Geld, insbesondere wenn man bedenkt, dass ich nur selten zum Neukauf von Autos rate. Ein Skoda-Phänomen ist aber der überdurchschnittliche Werterhalt. Das heißt, dass Gebrauchte kaum billiger zu kaufen sind. Erst recht, was diese „einfachere“ Kompaktklasse angeht. Muttis Einkaufswagen mit kleinem Benziner wird nur selten als Kilometerfresser genutzt und folglich lange behalten, weshalb es im Verhältnis auch sehr wenig Jahreswagen gibt. Das spricht auch für seine unumstrittene Robustheit.

Beim luxuriösen Neukauf im Autohaus hat man dann auch schokoladenfreie Rücksitze, unzerstörte Felgen, Auswahl nach Geschmack, sowie dieses unersetzbare Gefühl Erstfahrer zu sein. Außerdem gilt natürlich noch die Garantie, die sich auch mit Servicepaketen kombinieren lässt. Es lohnt sich also wirklich.

Da man ja inzwischen wie gesagt auch bei Skodaausstattungen wählen kann, wie dick man die Butter aufs Brot schmiert ist natürlich auch der Vergleich zum kleineren Fabia interessant. Der wiederum ist mittlerweile eine Generation frischer, und bei gleichem Preis deutlich kleiner, besonders in der hinteren Beinfreiheit. Natürlich gibt es vergleichbar auch den Fabia Kombi, aber der sieht im Vergleich zum drahtigen Rapid viel mehr nach buckeligem Arbeitstier aus, und hat im Fahrgastraum auch nicht mehr Platz.

Fabia (Neu)

Fabia (Neu)

Rapid Spaceback

Rapid Spaceback

 Innenraum:

Bei einem geradlinigen Auto, was nicht durch Rundungen, oder Schnörkel auffällt, ist es schwierig stilistische Besonderheiten im Innenraum zu beschreiben, insbesondere, wenn er mit der typischen VW Haptik und Verarbeitungsgüte gemacht ist, und gleichermaßen robust, wie solide erscheint. Er ist eben so, wie ein Innenraum im Kompaktwagen immer sein sollte. Der Kofferraum hat über 100l mehr Volumen, als der im Fabia und der lange Radstand bewirkt außerdem enorm viel Platz im Fond, der deutlich gestreckt wird.

Im Cockpit haben sich beim Generationenwechsel im Fabia kaum Neuigkeiten eingeschlichen. Auch die leider etwas unübersichtliche, skodatypische radiale Tachoskalierung wurde beibehalten. Nur die Mittelkonsole ist in sich eine Etage nach oben gewandert.

Motorisches:

Da auch das Fahrverhalten nicht spürbar anders ist, stellt die Aktualität des Fabia kein Muss dar. Allein der Antrieb ist wieder einen Hauch effizienter geworden. Da aber die kleinen TSIs im Rapid schon sehr zeitgerechte Werte erzielen, ist auch das verschmerzbar. Man darf einfach nicht vergessen, dass der Rapid eine der letzten Entwicklungen der immernoch aktuellen Poloplattform ist. Das macht ihn äußerst ausgereift, nach wie vor hochmodern und vor allem auch ziemlich störungsfrei. Das gilt sogar für die Steuerketten, die früheren TSI Motoren oft Probleme bereiteten. Entscheidet man sich also heute für einen Rapid, ist das beileibe kein „Brot vom Vortag“.

Schwierig wird es eher schon für mich, guten Rat zur Motorenauswahl zu geben. Die sind alle gut, alle ausreichend flott unterwegs und alle sehr sparsam. DSG muss man nicht haben, aber wenn doch harmoniert es hervorragend mit dem 1,6er TDI und dem 1,4er TSI.  Letztenendes kommt es wirklich auf das Einsatzgebiet an. Und gerade wenn er nicht als Langstreckenauto dienen soll, sondern für kürzere Alltagswege ist ein kleiner TSI ziemlich unschlagbar.

Fahrwerk:

Das Fahrwerk spricht sehr fein an und wirkt sogar noch etwas sanfter als das eines Golf. Über 400 kg Zuladung kann es obendrein auch ab. Mit 1100 kg Leergewicht ergibt sich freudvolle Agilität, ohne zu viel Masse dumpf abfedern zu müssen. Die hohe Karosseriesteifigkeit ist VW-Typisch besonders Wertvoll und hält in vielen Gleichteilen auch die weit höheren Lasten von Roomster und Praktik (Verblechte Handwerksversion) aus. Zur Beschreibung ist wohl souverän das richtige Wort.

Fazit:

Was den Rapid (Spaceback) am meisten auszeichnet ist nicht nur sein Dasein als Allroundtalent, sondern die Gelassenheit und die Geradlinigkeit, die sein Konzept verströmt. Auf harmonische und geschickte Art hat man ausgenutzt, dass moderne Kleinwagen technisch ausgereifte und auch belastbare Fahrzeuge sind. Fast alle als „premium“ bezeichneten Kompaktwagen entwickeln sich zu hochtechnisierten Elektronikbombern mit schrumpfendem Abstand zur Oberklasse, und werden dabei immer dickwandiger und teils auch behäbiger. All das erfordert hohe Ingenieurskunst, um nicht enorm an Größe und Gewicht zuzulegen. Der Rapid macht das anders. Er streckt sich bewusst über sein Plattformmaß und nutzt seine filigrane Schlankheit. Ein wenig wie die erste Passatgeneration aus den 70ern. Der fühlte sich einerseits nach Blechbriefkasten an, aber andererseits auch unzerstörbar, wie ein Tresor.

Ich rate jedem, das selbst zu erfahren. Besser kann man Kleinwagentechnik (!) nicht nutzen. Das fällt besonders im Vergleich zu normalen Kleinwagen auf. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan vom dynamisch abgestimmten Ford Fiesta, der schlichtweg super fährt. Aber innen ist er ein kleiner Kleinwagen. Noch mehr fällt der Unterschied zum Opel Corsa auf. Der ist zwar nicht unbedingt eng, aber haptisch habe ich in jeder Hinsicht den Eindruck dass er überall gummiartig, gautschig und schwerfällig wirkt.

Super Sache, der Rapid!

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