Über das Kaufen alter Karren als erste Autos

Published On 14. März 2015 | By derautonormalverbraucher | Die Grünschnabel Kategorie, Frisch getestet, Gedanken vom Fahrersitz

Wer den Schritt zum ersten Auto macht, muss das auch irgendwo finden. Wer nicht den Bonus hat, von der näheren Verwandtschaft direkt ausgestattet zu werden, muss sich selbst umschauen. Da wird der beste Freund, der Bruder oder ganz klassisch Vati zur Rate gezogen und ab geht’s in die Gewebegebiete Deutschlands, die allerorten mit bunt bestückten Kiesplätzen glänzen.

Kiesplatz
Weiß man hier noch nicht so genau, was man will ist das nicht schlimm, stiftet aber zunächst Verwirrung. Hier ein Beispiel:

 

Kevin (der Typ in meinem Beispiel heißt Kevin und ist gerade 18 geworden) fährt mit seinem Vater ins Kiesplatzviertel und hat 1500€ zusammengekratze Euro dabei. Kevins Vater ist bereit ein klein wenig aufzurunden, aber viel mehr wird es nicht werden. Unter den flatternden Fähnchen des ersten Händlers angekommen, herrscht einträchtiges Staunen darüber, was es alles für das Geld gibt. Hier sind Corsas und Polos, die zu diesem Preis gar nicht mal so gut aussehen. Dann gibt es ziemlich sportliche Kandidaten; stärkere Gölfe und einige 3er BMWs stehen dort. Die gefallen Kevin, während sein Vater sich denkt, dass eine rostige C-Klasse für 1800€ ja sehr vernünftig sein kann. Dann gehen sie weiter nach hinten und stehen vor 12-Zylinder Preziosen aus Stuttgart, München, Coventry und den 80er Jahren kommen.
Diese ganz verschiedenen Randsteine lenken die beiden zunächst mal vom eigentlichen Vorhaben ab. Während sie auf reißende Edelholzfurniere und blau qualmende Sportauspuffe blicken, erinnert sich Kevins Vater an seine Planung. Ein ordentlicher Kompakter mit wenig PS, Vorbesitzern und Laufleistung, der Junior zuverlässig durch seine Jugend begleiten soll. Nach kurzer Besprechung mit dem sehr freundlichen, aber merkwürdig zutraulichen Besitzer des Autohofes stehen die beiden dann vor einem Golf 4 mit dem beliebten 1,4 16V Motor. Auf dem Tacho stehen nur 120.000km, aber Fahrersitz und Lenkrad sind abgenudelt, und alle Türen gehen merkwürdig schwer auf und zu. Das Wartungsheft fehlt und das Öl ist zäh und Schwarz, aber ein ganz frischer ATU Wartungszettel hängt im Motorraum. „Immer gut gepflegt, vom Opa gefahren“ beteuert der Verkäufer. Der Motor läuft tatsächlich gut, aber beim Lastwechsel rappelt mittig der Auspuff. Dann entdeckt Kevin bei den nagelneuen Chinareifen Marke „HiFly“ eine faltige Roststelle am Radlauf. Er erinnert sich, gelesen zu haben, dass Golf 4 eigentlich nicht rosten, und auch seinem Vater ist der Wagen suspekt.

Sie ziehen also zum benachbarten Händler weiter. Hier ist der Verkäufer auch freundlich, aber lässt sie allein und in Ruhe über’s Gelände ziehen. Alle Autos sind aufgeschlossen. Hier steht ein wunderschöner Alfa 156, der angeblich erst 80.000km gelaufen hat. Aber die Bremsscheiben sind bis zur unkenntlichkeit abgefahren und dann verrostet. Auf dem ganzen Auto und besonders in den Spalten findet sich eine feine Schicht grünen Belags. Die Kiste steht wohl schon länger da… Weiter! Dann stehen sie vor einem 97er Toyota Corolla. Dreitürer, Stahlfelgen, nicht viel dran, aber extrem sauber und ein Innenraum, wie neu. Anders als die anderen Autos hier trägt er kein Preisschild, sondern Filzstift auf der Seitenscheibe: „1250€ Fest, Motor + Getriebe gut“. Im Auto ein durchgestempeltes Wartungsheft, was bis zuletzt bei Toyota ausgefüllt wurde. Im Tacho stehen 90.000km, der Schlüssel steckt. Euphorisch startet Kevins Vater den Motor, der läuft wie ein Uhrwerk. Auch die Bremsen sehen top aus. Dann kommt der Verkäufer und winkt sie weg: Der ist für den Export, gerade ganz frisch angekauft. Später kommt ein Autotransporter und bringt ihn auf den Weg nach Marokko. Etwas ungläubig und ziemlich geknickt fahren Kevin und sein Vater nach Hause. Später finden sie im Internet einen ganz guten VW Polo 6n mit Facelift, der zwar 2200€ kostet, aber aus vertrauensvoll privater Hand kommt.

Diese Parabel ist durchaus realistisch und zeigt einen kleinen Querschnitt aus dem Autogewerbe, was sich in diesen Preisregionen bewegt. Tatsächlich trifft sie nach obenhin abnehmend auch noch auf Beträge bis hin zu rund 15000€ zu. Es ist nicht so, dass man auf dem Kiesplatz nichts kaufen könnte, allerdings werden solch beliebte Suchobjekte, wie in meinem Beispiel so schnell wie möglich umgesetzt. Kilometerstände werden nicht immer, aber ziemlich oft zurückgedreht, Wartungshefte entnommen oder manipuliert (Immer mal auf den mittig eingehefteten Papierbogen und die Heftnadeln achten) und die Floskel „Im Kundenauftrag“ wird durch „Nur für Händler oder Export“ abgelöst. Mit der einen entlastet sich der Händler von seiner Gewährleistungspflicht und mit dem anderen gilt das gleiche, aber er hält sich einheimische vom Hals, die sich im Fall von Mängeln beschweren könnten. Diese Zeilen stehen an vielen niedrig bepreisten Gebrauchtwagen, müssen aber im direkten Vergleich nicht einmal ein Todesurteil sein. Selbst bei „nur für Export“ reicht dem Händler zum Kauf irgendeine Anschrift außerhalb der EU, damit er einwilligt. Es muss einem dann aber klar sein, dass wirklich keinerlei spätere Ansprüche geltend gemacht werden können. Überhaupt heißt es eben gekauft, wie gesehen. Immerhin sind die meisten Gebrauchten aber relativ offen mit dem, was sie aus ihrer Vergangenheit zeigen, wie im Beispiel vom fadenscheinigen Golf 4. Selbst wenn Kilometerstand und Wartungsheft für Zweifel sorgen, muss und kann man sich auf Zustand und das Fahrgefühl verlassen, und daran seine Entscheidung festmachen. Positiv ist auch, dass man handeln kann. Auch wenn der Verkäufer vom letzten Preis, der schon niedriger ist, als sein Einkaufspreis faselt, geht immer noch was, allerdings muss man gut handeln können. Dabei gilt die oberste, wirklich aller aller wichtigste Regel:
Niemals unwissend, oder unsicher wirken!

 

Hat man ein interessantes Vehikel gefunden, sollte man sofort Klarheit ausstrahlen. „Den würd ich nehmen. Wenn der Preis stimmt, gibts Cash und der Wagen ist weg.“ Einfach ein dickes Fell haben! Auf anderes Gerede, oder Bedenkzeit hat kaum ein Verkäufer Lust. Wer dann aber tatsächlich nochmal nachdenken will kann dann nach hoffentlich geglückter Verhandlung immernoch sagen, er geht Geld holen und nimmt sich dann etwas Zeit. Großartige Psychotricks, oder „Gute Freundin, Böser Freund“ helfen im Vergleich garnicht. Das lehrt die Erfahrung.
Egal bei welchem Händler muss man sich stets vor Augen führen, dass die Herrschaften auch nur ihren Job machen und eben nicht Lebensmittel, sondern Autos umsetzen und an den Mann bringen. Die haben nicht auf dich als VIP-Käufer gewartet! Entweder man kauft’s, oder man lässt es. Erschwert wird das ganze nur durch folgende Tatsache:
Habt ihr euch schonmal gedacht, was die Anbieter so in ihren Wellblechcontainern treiben? Sie sitzen mit ein paar PCs drinnen und schauen zu jeder Zeit brandaktuell in Mobile.de und Autoscout24 und haben stets abfahrbereit den X5 mit dem Autohänger im Hof stehen. Sie fischen jedes attraktive Privatangebot im Umkreis ab, und erschweren es dem Autonormalverbraucher dadurch ziemlich. In Nürnberg sagte mir ein ziemlich alt eingesessener Autospezi mal, dass man im Großraum der Stadt von Privat im Grunde keine günstigen Gebrauchtwagen mehr findet. Nürnberg liegt direkt an der A6 und die führt direkt nach Tschechien. Das rote Rechteck der Exportnummernschilder ist hier öfter zu sehen, als ich es sonst in ganz Deutschland kenne. Die hohe Autoschieberdichte fällt auch auf, wenn man in E-Klasse, 5er, A6 und größeres so hineinblickt. Wo in der rheinischen Provinz eine S-Klasse meist von dicklich alten „Herr Direktor“-Menschen gefahren wird, sitzt hier meistens ein Kerl drin, der zumindest optisch überhaupt nicht in so ein Auto passt. Für viele Osteuropäer ist der mühsame Exporthandel mit Verbrauchtwagen das tägliche Brot. Auf dem Autowaschplatz kommt dann ein komplett durchrosteter Transporter an, und 7-8 Leute jedes Alters steigen aus, und wienern den Haufen Elend mit Scheuermilch aus dem Küchenbedarf. Da gehen einige Flaschen drauf, während die männlichen Fahrer des Busses rauchend und laut schimpfend danebenstehen. Zu Hause angekommen werden die Gurken dann für Wucherpreise verschachert, weil der Nachschub nun mal knapp ist. Trotzdem ist die Rechnung unangenehm, wenn man bedenkt, dass zwei ganze Familien eine Woche lang sehr unbequem unterwegs sind, schlecht hausen, schwer arbeiten, Sprit bezahlen müssen und am Ende für so viele Leute vielleicht mal 1000, oder 1500€ übrig bleiben (geteilt durch 10, z.B.)
Hat man das im Hinterkopf, sieht man die Fähnchenhändler, die in Deutschland arbeiten ein wenig mit anderen Augen. Und wenn man sich von den harten Umgangsformen, und teils üblen Tricks nicht blenden lässt, bekommt man auch irgendwann das gewünschte Anfängerauto. Nur immer locker und freundlich bleiben. (Und nicht unsicher wirken, ich sag’s nochmal!!)
Am Ende muss man sich auch darüber im Klaren sein, dass die Jungs nun mal wissen, für wieviel Geld entsprechende Modelle über den Tisch gehen. Also muss man sich beim Angebot mit kleinem Handlungsrabatt überlegen, was übrig bleibt, und den Wert dann in Kategorien einordnen, sofern der Zustand dementsprechend in Ordnung ist. Preisliche Ausreißer sollten also mit Vorsicht genossen werden. Ist ein Auto eher teuer, sollte man den Gründen dafür genau herausfinden. Ist der Zustand dann wirklich überdurchschnittlich, kann man per Smartphone ziemlich schnell auf den Gebrauchtwagenportalen checken, wie viel entsprechende Autos deutschlandweit so kosten.
Was beim Gebrauchtwagenkauf natürlich immer gilt, ganz egal wie und wo ist die Checkliste, die den Zustand erörtert:
Unfallschäden? (Kofferraummatte hoch, Schweißnähte/punkte prüfen, Kotflügelschrauben noch ungelöst? Spaltmaße okay?)
Fahrzeuggeschichte: (Wartungsheft vorhanden, fehlerfrei und komplett? Ölzustand am Messstab? Ölzustand am Deckel? Schlammige Ölgrütze?)
Rostschäden? (Im Internet die modelltypischen Schwachstellen immer prüfen, Magnet dabeihaben zur Spachtelsuche! Hälter oder fällter?)
Verschleißteile: (Nicht abschrecken lassen: Zahnriemen, Bremsen, Reifen, usw. stellen nur einen Geldwert dar. Wer zahlt den?)
Probefahrt: (Das Gefühl muss einfach stimmen. Polterndes ist Fahrzeugspezifisch nachzusehen; verschleißabhängig)
Wenn man diese Erfahrungen und Hintergründe im Kopf hat, ist auch der Kauf des ersten Autos kein Angstgegner. Man weiß was man für das Objekt der Begierde gut ausgeben kann und will, wenn man den preislichen Kontext und den evtl. Geldwert der zu behebenden Mängel geprüft hat. Das Internet macht es einem da leichter denn je:

 

Noch ein letzter Tipp zum Schluss:
Auf youtube.com findet ihr bald nicht nur Videos von mir, sondern auch fast alle Folgen von den „PS-Profis“ JP und Sid, bzw. vom „Checker“ Alex Wesselsky. Und wenn man sich an der Autosuche die Zähne ausbeißt, kann man sich auch seine Musik ganz gut anhören. (Eisbrecher)

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