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Fahrbericht: Renault Twingo

Published On 2. März 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet

Bei allen Ratschlägen für Fahranfänger darf natürlich das passende Anfängerauto nicht fehlen. Auch Neulinge haben für ihr Fahrzeug schon verschiedene Ansprüche. Die einen fahren als Uni-Pendler jedes Wochenende längere Strecken, die anderen bewegen sich nur innerorts von A nach B, und wieder andere brauchen eine Menge Platz für Hobbys, oder sonstiges. Außerdem ist besonders bei jungen Menschen alles auch eine Frage des Geldes, und im Zweifel auch des Schraubertalents.
In einem Test für Anfängerautos kann man also aus dieser ganzen Vielfalt nur eine ungefähre Mitte suchen, und dazu ein Beispiel finden. Ich habe mich hier für den inzwischen abgelösten Renault Twingo entschieden, genauer für die zweite Generation.

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Den sympathischen kleinen Franzosen, der in Wirklichkeit im slowenischen Novo Mesto auf die Welt kullerte, bekommt man aktuell noch als Neuwagen, wie auch als Gebrauchten in verschiedenen Zuständen zu verschiedenen Preisen. Er kann mit seinem auch erhältlichen Dieselmotor im Programm ganz verschiedene Ansprüche erfüllen, und so für viele Anfänger, oder Leute mit kleinem Bedarf durchaus interessant sein.
Zuerst mal hatte der Twingo 2 dem guten Ruf seines beliebten Vorgängers gerecht zu werden, der schon 1993 debütierte, und mit seinem schlauen One-Box Design sofortigen Erfolg hatte. Auch wegen seiner rundlichen Kulleraugen, die von der Damenwelt gerne mit Augenwimpern überklebt worden sind war er europaweit ein Verkaufsrenner. Im Juli 2007 wurde er dann schließlich abgelöst und die rundlichen Scheinwerfer blieben, wenn sie auch zunächst mehr träge als beim Alten dreinblickten. Die grundsätzliche Karosserieform blieb erhalten, wuchs aber deutlich weil sie sich nun die Plattform mit dem größeren Clio teilen musste. Das sorgte allerdings auch für ein großzügigeres Raumgefühl. Überhaupt ist der Twingo 2 gerade für Großgewachsene echt geräumig genug, und weit über dem sonstigen Kleinstwagendurchschnitt. Ich selbst sitze mit mehr als zwei Metern sogar dann anständig, wenn der Twingo wie bei meinem Testwagen ohne Sitzhöhenverstellung daherkommt. Die Sitze sind bequem, und wenn man sich zurücklehnt und das ziemlich stark geneigte Lenkrad greift, kommt man sich vor, als säße man im Kart.
Normalerweise kann gerade im Kleinstwagen überhaupt nie jemand hinter mir sitzen. Nicht so im Twingo. Die Rücksitze sind einzeln verschiebbar und schaffen so entweder mehr Platz im Kofferraum, oder eine ziemlich enorme Beinfreiheit für die Hinterbänkler. Es kommt nicht von ungefähr, dass man in den futuristisch-modischen 90ern in Berichten über den ersten Twingo manchmal das Wort „Microvan“ lesen konnte. Die Platzverhältnisse sind in jeder Lebenslage großzügig. Man kann mal Leute mitnehmen und kommt auch mit nur zwei Türen bequem rein, fürs Einkaufen reichts allemal, und zur Not haben auch zwei Freundinnen nach einem ausgiebigen Ikeabesuch keine Probleme.
Neben dem Platzangebot ist die Sympathie das Hauptargument für den Twingo. Die Kiste schafft es, in jeder Lebenslage so liebenswert rüberzukommen, dass man eigentlich immer Freude hat, ihn zu fahren. Er ist keine Rakete; der 58PS Basismotor vor dem Facelift gilt als arg müde, aber der weit verbreitete 1,2 16V mit 75/76PS beschleunigt ausreichend, und läuft ziemlich erwachsen mit bis zu 170 über die Autobahn. Das lang übersetzte Getriebe macht’s möglich. Im Alltagsbetrieb bekommt man einen geringen 5 Liter-Verbrauch locker hin. Beim Fahren fällt die Einfachheit positiv auf. Die Servorunterstützung ist nicht sehr stark, wodurch man am großen, herrlich griffigen Lenkrad eine Direktheit spürt, die im Porsche 911 nicht feiner ist. Fahrwerkstechnisch spürt man genau, was jedes einzelne Rad macht, und das wuseln um städtische Ecken macht süchtig und ist mit dem alten Mini vergleichbar. Lediglich bei flottem Fahren auf Landstraßen spürt man die -mit Fahrer- Tonne Gewicht, wenn der Twingo etwas schwammig über Bodenwellen tänzelt. Für meinen Geschmack ist das aber okay, da er so recht komfortabel ist, und eben nicht arg straff. Zur Sympathie beim Fahren gehört auch, dass die magere Geräuschdämmung gar nicht stört. Vorne saugt das Motörchen munter hörbar, und hinten tönt tapferes Trompeten aus dem kleinen Endrohr. Man kann dem Twingo nichts wirklich übel nehmen, auch keine Extras die evtl. nicht vorhanden sind. Fensterheber und Tempomat sind nett, aber im Twingo ist der Verzicht nicht so schlimm. Meine Empfehlung ist ein gescheites Radio zusammen mit dem locker flockigen Bediensatelliten zwischen Lenkrad und Zündschloss. Damit ist eine gute Zeit im Twingo schon gesichert. Alles weitere sind nur Nettigkeiten. Die enge Bindung zum Fahren, z.B. wenn beim Lastwechsel in den weichen Motorlagern die Schalthand am Hebel kurz vor und zurück knufft, bleibt auch bei Vollausstattung unverkennbar. Kurzum: Der Twingo ist wohl die erfreulichste Art, die es gibt um auf Luxus zu verzichten.

 

 

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2012 Kam dann das Facelift für den Twingo. Mit ihm erhielt er wieder ein frecheres Gesicht, und ein etwas überarbeitetes Heck. Innen ging es durch kleine farbliche Änderungen auch wieder etwas lebhafter zu, wenn auch nicht so kunterbunt, wie im vielfarbigen Twingo 1. Alle haben sie gemeinsam das mittig sitzende Kombiinstrument. Objektiv gesehen ist das natürlich Käse. Renault ist ja dafür berüchtigt, manchmal etwas schräge Bedienlösungen zu schaffen. Ehrlichgesagt, kann man auch sehr froh sein, dass der Twingo noch ein beinahe altmodisch einfaches Auto ist, was auf französische Bedienextravaganzen verzichtet. Dennoch ist aber das Cockpit so eigensinnig gestaltet, dass man sich mit dem Mitteltacho tatsächlich ganz wohlfühlt. Der ist nämlich groß und digital, weswegen man ihn leidlich gut im Blick hat. Vielmehr ist es aber recht angenehm, vor sich eine flache Leere zu sehen, bzw. in einem kleinen Ablagetrog allerhand Kram ablegen kann, z.B. auch mal das Smartphone zum Navigieren. Je nach Ausstattung gibt’s vor dem Lenkrad immerhin noch einen kleinen Drehzahlmesser.

 

Es ist vergleichbar mit einem kleinem, liebevoll eingerichteten Zimmer, in dem man sich mit Abstand am behaglichsten fühlt. Abgesehen von seiner Quriligkeit, wenn man mal Fahrspaß möchte, ist Twingofahren wunderbar gemütlich. Er schafft es auch im Vergleich zu anderen Kleinstwagen, in keiner Weise als Klapperkiste zu wirken, oder Verzicht spürbar zu machen. Persönlich liebe ich den Komfort meines großen Mercedes, aber trotzdem fahre ich, wenn’s nicht um Autobahnetappen geht genauso gern mal einen Twingo.

 

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Wie eingangs erwähnt kommt es inzwischen ja auch zum Gebrauchtwagenkauf von älteren Kandidaten. Zwischen 2.500 und 4000€ gibt es eine große Auswahl, die von „annehmbar, aber nackt“ bishin zu „gepflegt und toll ausgestattet“ reicht. Man kann sich da wirklich was aussuchen. Etwas Acht sollte man auf den Vorbesitz geben. Ein Einkaufswagen aus Familienhand ist oft anständig gepflegt, aber gerade beim Twingo gibt es momentan viele, eher billigere Angebote von Autos, die im mobilen Pflegedienst, oder beim Essen auf Rädern im Einsatz waren. Die sind von vielen Händen von Tür zu Tür gescheucht worden, und sind oft arg beansprucht. Die wichtigste Schwachstelle beim gebrauchten Twingo ist nämlich das relativ weiche Fahrwerk. Gummibuchsen und Bremsen sind verschleißteile, aber schon relativ früh müssen auch defekte Stoßdämpfer und auch Federbrüche einkalkuliert werden. Achtet also auf Wartungsnachweise. Scheckheft ist Pflicht, dafür ist die Auswahl groß genug. Wenn dann schon neue Fahrwerksteile eingebaut sind: Zuschlagen! Am besten als 1,2 16V, wobei alle Motoren robust sind, und höchstens in seltenen Fällen der Turbolader des kräftigen Diesels mal kaputtgeht. Allgemein sind Wartungskosten für den Twingo sehr verschmerzbar. Ersatzteile sind billig und auch gut selbst schraubbar.

Fazit:
Herzliche Fahrfreude mit viel Platz und hoher Wirtschaftlichkeit. Der Twingo 2 ist besonders für Anfänger (und erfahrene), die Spaß an ihrem Auto wollen sehr empfehlenswert. Daumen hoch – sofern man ihn sich nicht am idiotischen Behelfstürgriff eingeklemmt hat. Auch aus Sicherheitsgründen hierfür zum Schluss noch einen Klaps! Einen Weiteren Kritikpunkt findet ihr nach ein wenig Rätseln noch auf diesem Suchbild:

Finde die Hupe!

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