Fahrbericht: Nissan Pulsar

Published On 14. Februar 2015 | By derautonormalverbraucher | Frisch getestet

20150213_120846Der Nissan Pulsar ist der jüngste Teilnehmer im Wettbewerb der erwachsenen Kompaktautos. Die Golfklasse ist umkämpft wie nie zuvor und viele Konkurrenten bereichern die Auswahl. Durch das große Angebot kristallisieren sich regelrecht eigene Stilrichtungen hinaus, die weit über das Feld hinausgehen, das den ersten Golf 1974 umgab. Der Golf an sich ist auch in Basisausstattung immer luxuriöser geworden. Seine heutige Stellung im Markt ist für den Streber im Segment klar. Er lässt keinerlei Wünsche offen, hat aber auch seinen Preis.

Damit rüsten sich allerlei interessante Alternativen, die auch ihrerseits jeden Geschmack abdecken. In der Kategorie „gut-und-günstig“ findet sich heutzutage gar keine wirklich billige Karre mehr. Der Nerz wird zunehmend nach innen getragen, und auch im Design polarisieren die meisten Mitbewerber, wo es noch vor 15 Jahren ziemlich langweilige Kandidaten gab.

Nissan tat sich zuletzt mit dem eher aufgebläht aussehenden Tiida ziemlich schwer. Nur ein Paar Kunden ließen sich von dem hoch bauenden Raumriesen hinreißen. Zu wenig europäisch schien das Design, das sich eher am US-amerikanischen, sowie dem asiatischen Geschmack orientierte und im nationalen Vergleich allenfalls mit dem Golf Plus konkurrieren konnte. Doch Tiidas Enkel Pulsar soll nun alles anders machen.20150213_120814

Zumindest optisch schafft er das ganz passabel. Er strahlt eine frische Art von Dynamik aus, die bei aktuellen Nissans manchmal in argem Futurismus verloren geht. Die Front erscheint drahtig und sportlich, und erscheint zusammen mit der Fahrgastzelle in der Seitenansicht durchaus eigenständig. Lediglich das Heck kann, sollte, oder muss man leider ein bisschen plump nennen. Die großen zackigen Rückleuchten wirken am runden Heck nicht gerade schmeichelhaft. Überlässt man diesen etwas dicklichen Hintern einmal der Geschmacksfrage, ist bemerkenswert, wie ausgefeilt das Design eigentlich ist. Die Gestaltung von Kompaktwagen unterliegt meist der Problematik, dass neue Entwürfe den schmalen Grat zwischen beliebiger Langeweile und befremdlicher Neuartigkeit finden müssen. Dem Pulsar gelingt einerseits eine ganz eigenständige Form zu liefern, die aber nicht seltsam wirkt, und andererseits auch die markeninterne Formensprache aufzugreifen. Anklänge vom Qashqai sind deutlich, sanfte Rundungen des Murano werden leicht zitiert. Das leicht bauchige Heck ist der Beweis. Man kennt es bisher allenfalls von der Renault Mégane II Limousine, die aber im Ganzen verglichen weitaus pummeliger und beinahe Vanartig wirkt.20150213_120828

Optisch sollte der Pulsar es also leicht haben im Deutschen Straßenverkehr, solange man sich das Heck ein wenig schönredet. Was das Fahrverhalten angeht konnte man von Nissan kaum etwas wirklich schlechtes erwarten. Insbesondere die gemeinsame Motorenentwicklung mit Renault garantiert einen gewissen Standard. Tatsächlich sogar ist der Pulsar ein Auto was mit sehr viel Liebe zum Detail abgestimmt ist. Ein Ford Focus ist etwas dynamischer und zeigt Kurvengier. Der Golf 7 ist in jeder Hinsicht Bruder Leichtfuß. Der Pulsar ist eine simplere Mischung aus beidem. Nicht so sportlich, aber auch nicht ganz so leichtgängig offenbart er sich als ganz normales Kompaktauto. Das ist auch in Ordnung, denn Abrollkomfort und Stoßdämpfung sind erste Sahne, obwohl der Wagen trotzdem straff wirkt und nirgendwo zu weich erscheint. Damit lässt er den etwas behäbigen schweren Astra hinter sich, wie auch die etwas steif und staksig wirkende Konkurrenz aus Korea. Sein Fahrwerk ist ähnlich fein abgestimmt, wie das des Peugeot 308. Der von mir gefahrene 110PS Renault Diesel macht seine Sache bekanntermaßen großartig. Leise, agil und sehr sparsam bewegt er die Fuhre. Einzig einen Hauch von einem Turboloch im unteren Drehzahlbereich lässt sich bemängeln. In jedem Fall hängt der gleich motorisierte Mégane in fast allen Bereichen weit hinterher.

Im Innenraum fällt zu erst das etwas eigenwillig geformte Lenkrad auf. Es wirkt im schlicht gestalteten Cockpit ein wenig fremd und wie aufgesetzt. Seine Bedientasten für Radio und Bordcomputer, sowie für den Tempomat könnten noch etwas praktischer zu nutzen sein, sind aber im Vergleich zu früheren Multifunktionsvolants von Nissan schon eine echte Steigerung. Der Lederbezug ist angenehm in Struktur und Dicke. Das sehr übersichtliche Kombiinstrument könnte rein optisch so in jedem anderen Asiaten verbaut sein. Eine Idee mehr Verspieltheit könnte nicht schaden. Das Farbdisplay bietet Informationen auf übersichtliche Weise und zeigt auf Wunsch eine interessante Verbrauchsstatistik an, die dem Fahrer anders, als eine simple Durchschnittszahl auch Aufschluss darüber gibt, wie man z.B. schnell gefahrene Etappen mit normalen Verbrauchswerten vergleichen kann. Ebenfalls asiatisch: der ständig nervige Lichtschalter im Blinkerhebel. 20150213_120757

Finde den Startknopf!

Finde den Startknopf!

Das Armaturenbrett an sich ist nirgendwo besonders ausgefallen, oder speziell. Die Mittelkonsole wirkt aufgesetzt und ist dadurch ein hübsch gemachter Hingucker. Darin finden sich das schon länger bekannte, gut bedienbare Nissan Touchscreen Radio mit Navi, sowie eine durchdachte und klar angeordnete Klimabedieneinheit. Vor dem Schalthebel findet sich etwas ungünstig gelegen der Startknopf. Leider muss auch in diesem Vergleich Renault als schlechtes Beispiel herhalten. Im Franzosen ist er für Neueinsteiger kaum auf Anhieb zu finden. Nissan hat ihn schön groß gemacht, und sehr aufgeräumt platziert. Draufdrücken ist angesagt. Der Diesel knurrt brav und verlässlich, sowie angenehm gedämmt. Auch die Geräusche der Türen, oder Innenraumklappen wirken wertig und solide. Die Haptik stimmt; alles lässt sich angenehm anfassen und ist tadellos verarbeitet, selbst wenn optisch wohl keine Begeisterungsausbrüche zu Erwarten sind. Positiv lässt sich vor allem die ungewöhnlich gute Übersichtlichkeit hervorheben. Große Fensterflächen und vor allem recht schmale Dachsäulen schaffen das wohl beste Raumgefühl seiner Klasse.

Im Kofferraum finden sich je nach Stellung der Rückbank zwischen 385 und 1.395 Liter Volumen. Leicht überdurchschnittlich, obwohl beim Umklappen eine unpraktische Kante entsteht. Auch der Radstand ist mit 2,70m großzügig. Viel Platz im Fond, wie auch auf den langstreckentauglichen Vordersitzen belegen das. Der Preis ist momentan angemessen. Man findet gute Neuwagenangebote, sowie Tageszulassungen mit toller Ausstattung für 18 bis 19.000€. Der Kraftstoffverbrauch ist erfreulich, insbesondere da sich auch ohne Ökospielereien, oder gebremste Fahrmodi, dafür mit etwas Bedacht und Sparspaß durchaus auch mal rund 3,9 Liter/100km auf der Landstraße schaffen lassen. Asketen schaffen vielleicht auch noch 0,1-0,2 Liter weniger, aber dann nur alleine und allen Mitteln. Die 5 vor dem Komma ergibt sich im Alltagsgebrauch eigentlich immer.20150213_120909

 

 

Fazit:

Der gesamte Kompaktwagenmarkt darf sich für direkte Vergleichstests schon mal warm anziehen. Es gibt nichts, was der Pulsar nicht kann. Er wirkt ansprechend, fein gemacht und auch erfreulich normal. Er ist nicht besonders aufregend, aber auch nicht überzeichnet. Als bisher eher unbekannter Underdog ist er schon jetzt auf Augenhöhe mit dem Opel Astra. Der bietet den immernoch deutlich feineren Innenraum, hat aber bei Gewicht und Fahreigenschaften gegenüber dem Pulsar auch deutliche Nachteile. Meinerseits kann ich diesen sehr europäischen Japaner wärmstens empfehlen. Es bleibt jedoch zu warten, wie stark sich dieser Newcomer tatsächlich durchsetzen kann. Ist Nissan strebsam genug, um mit ihm die Karriere eines Hyundai I30 hinzulegen?

 

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